Londoner "Theatre Workshop" in Schweden

In London, wo diesem Theater keine eigene Bühne zur Verfügung stand, spielte es in einer halbzerstörten / Kirche, und seine Darsteller, von denen keiner viel älter als dreißig Jahre ist, brachten es hier fertig, eine lebendige Atmosphäre um sich zu schaffen und von der ungewöhnlichen Kraft ihres Spieltemperaments zu überzeugen. Heute bereist das "Theatre Workshop" den europäischen Kontinent. Es kam aus der Tschechoslowakei nach Schweden, und in Sigtuna, jenem idyllisch am Mälersee gelegenen Treffpunkt vieler europäischer Intellektueller, gab sich ein Publikum von Kennern den starken Eindrücken seiner eigengearteten Kunst rückhaltlos hin.

Ewan Mac Coll hat für dieses Theater eine Balladenoper "Johnny Noble" geschrieben, die hier zur Uraufführung kam. Es ist ein Werk, das sich stilistisch schwer einordnen läßt und auch mit der modernen Oper wenig oder nichts gemein hat. Inhaltlich behandelt es Episoden, aus dem Leben eines arbeitslosen Fischers, in denen die Nöte, Schrecken und Abgründe unserer Zeit beschworen werden. Eine männliche und eine weibliche Stimme künden als Berichterstatter die Vorgänge an, die mit den Kunstmitteln der Pantomime, des Melodramas und geräusch-rhythmischer Untermalung ausgestaltet sind. Das Musikalische ist nur skizzenhaft angedeutet und gleichsam auf ein zeichnerisches Schwarz-Weiß gestellt. Die vox humana triumphiert über den kargen instrumentalen Anteil, und das letzte des dramatischen Ausdrucks ist der Intensität der Darstellung überlassen, der Mimik der Körper und des Antlitzes, der einfachen Eindringlichkeit der Stimmen und den wechselnden Schichtungen der Szene. Das Ergebnis dieses neuen Stil Versuchs ist ein theatralischer Eindruck von packender Unmittelbarkeit, eine ergreifende Apokalypse des Menschlichen.

Gerhard Krause