Griechenlands Stellung im ERP

Der stellvertretende griechische Ministerpräsident Tsaldaris hat vor einigen Wochen den Satz geprägt: „Griechenlands, Schicksal liegt, wie das Schicksal aller freien Völker in Europa, gegenwärtig in Amerikas starken Händen.“ Damit hat der griechische Politiker sehr eindringlich die Bedeutung der Marshall-Plan-Hilfe für sein Land charakterisiert, das heute eiren der Schnittpunkte im Kräftespiel zwischen West und Ost darstellt.

Für Griechenland ist es ganz besonders schwer, sein Wirtschaftsleben wieder zu normalisieren. Es hat nicht nur durch den zweiten Weltkrieg, die lange Besatzungszeit und die Guerillakämpfe schwere Schäden erlitten, sonden muß im Bürgerkrieg erfahren, daß viele Aufbaumaßnahmen schon in den Ansätzen zerstört werden. Von der Bevölkerung, die heute, rund 6,7 Millionen beträgt, sind fast 1,5 Millionen Einwohner obdachlos. Noch immer strömen Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsgebieten in die bereits übervölkerten Städte Joarmina, Trikalla, Larissa, Saloniki und Athen. Der Bürgerkrieg führte zu einer Lähmung des gesamten Verkehrswesens, und die allgemeine Unsicherheit ergab ein Absinken der industriellen Produktion gegenüber dem Vorkriegsstand. Die Landwirtschaft hat durch Krieg und Bürgerkrieg schwer gelitten. Sie soll nun, nach Zufuhr von künstlichem Dünger und durch Ausbau von Bewässerungsanlagen, in einem Zeitraum von zwanzig Jahren planmäßig reorganisiert werden, Vorerst sind noch erhebliche Importe an Lebensmitteln notwendig. Aber die Preise bleiben, trotz erheblicher Zufuhren, überhöht anderseits besteht, ein Überangebot an einigen wichtigen Agrarerzeugnissen – sei es, weil die Ausfuhr nicht genügend funktioniert, sei es, weil die zu geringe. Massenkaufkraft bei den geforderten Preisen nicht ausreicht. jeder Warenaustausch ist erschwert durch das Mißtrauen, das man in Griechenland der Währung entgegenbringt. Die griechischen Importeure ziehen es vor, nach ihrer schon in der deutschen Besatzungszeit geübten Gewohnheit, Gold zu horten. Da aber selbst die Banken in den letzten Monaten über Goldmangel klagen, hörtet man zwischen Athen und Saloniki eben Rohstoffe und Fertigwaren, Die Hoffnung, daß bald eine, grundsätzliche Umgestaltung der Wirtschaftsstruktur erfolgt, ist offenbar gering. Diese wäre ja auch nur nach einer Verringerung der Einfuhrabhängigkeit möglich, und es besteht wenig Aussicht, unter den jetzigen Bürgerkriegsvoraussetzungen und Außenhandelserschwernissen, daß ein solches Vorhaben in absehbarer Zeit realisiert werden könnte. Griechenland ist ein Schulbeispiel – für die Feststellung, daß mit halben Maßnahmen oder „Hilfsaktionen“ kaum etwas erreicht werden, kann. Es darf also auch nicht erwartet werden, daß Griechenlands wirtschaftliche Gesundung allein durch die amerikanische Hilfe möglich ist, obwohl das, Land von den 4875 Mill. $ der direkten ERP-Hilfe im ersten Marshall-Plan-Jahr 146 Mill. erhält und ihm aus der indirekten Hilfe des Europäischen Hilfs-Fonds noch 66,8 Mill. zufließen. In Washington ist man allerdings hinsichtlich der Lage in Griechenland „gemäßigt optimistisch“ und erwartet, für das kommende Frühjahr eine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse.

Anscheinend beginnt man jenseits des großen Wassers langsam einzusehen, daß Griechenland hauptsächlich eine Förderung des Außenhandels braucht. Die Überflutung Europas mit amerikanischen Tabaken ließ bisher das Gegenteil annehmen. Noch heute lagern in Griechenland Teile der Tabakernte von 1946, große Mengen der Ernte von 1947 und nun auch die diesjährige Ernte. Jetzt sollen, nach Meldungen aus den USA, gewisse Tabakmengen für die Doppelzone gegen die Lieferung deutscher Fertigwaren ausgeführt werden. Diese Nachricht hat in Athener Außenhandelskreisen sehr viel Widerhall gefunden, denn früher machte die Tabakausfuhr rund 75 v. H. des griechischen Außenhandels aus, und Deutschland stand dabei an führender Stelle. 1947 hatte Griechenland eine bescheidene Ausfuhr von 179 271 t im Wert von 56,9 Mill. $. Ihr stand eine Einfuhr von 1 375 737 t im Wert von rund 150 Mill. $ gegenüber. Für 1948 liegen erst die Ergebnisse des ersten Vierteljahres vor; sie belaufen sich sei der Einfuhr auf Waren im Wert von 14,9 Mill. Die Ausfuhr erreichte in diesem Zeitabschnitt nur 16,8 Mill. $. Mit 52 v. H. stehen die USA an der Spitze der Lieferländer, während sie unter den Kunden Griechenland, in dritter Stelle zu finden. sind. Hauptabsatzgebiete sind. für Griechenland nach dem Krieg Großbritannien und Italien geworden. Für 1948 war das Exportziel auf 125,8 Mill. $ festgesetzt; es dürfte kaum erreicht worden sein.

Ernste Sorgen macht man sich in Athen über die unbefriedigende Entwicklung des Warenverkehrs mit den Westzonen. Der am 21. Januar 1948 abgeschlossene Vertrag sah Lieferungen der Doppelzone in Höhe von 5 Mill. $ vor, während Griechenland für 3,5 Mill. $ liefern sollte. Bischer blieb die Doppelzone mit ihren Liefe- – rungen stark zurück, weil deutsche Waren – obwohl sie stark gefragt werden – viel zu teuer sind. Sie sind. mit einem Devisen-Aufgeld von rund 80 v. H. belastet, während Einfuhren aus Großbritannien nur mit einem Aufgeld von etwa 25 v. H. versehen sind. Diese aus der unglücklichen Außenhandelspolitik der JEIA stammende, Umrechnungshandhabung ist die Ursache des nichterfüllten Warenabkommens. Eine Änderung dieser Bestimmung würde Griechenland- – und damit auch Westdeutschland – neue wirtschaftliche Impulse und einer Normalisierung seiner: Außenhandelsbeziehungen bringen: denn es darf nicht vergessen werden, daß Griechenland vor dem Krieg etwa ein Drittel seines Außenhandels mit Deutschland abwickelte; Willy Wenzke