Wenn etwas vorher falsch war und dann richtiggestellt wird, so ist das eine Berichtigung. Wenn dagegen etwas vorher richtig war und dann so verändert wird, daß es nicht mehr richtig ist, so nennt man das eine Verfälschung. Wenn man vollends etwas, was zweifellos eine Verfälschung ist, hartnäckig als Berichtigung bezeichnet, so verfälscht man zu allem anderen auch noch die Wahrheit der Sprache. Da uns die Kraft fehlt, einen Machtspruch der Sieger zu berichtigen, wollen wir wenigstens ihre Ausdrucksweise korrigieren. Ein Sechsmächte-Arbeitsausschuß – USA, England, Frankreich, Holland, Belgien, Luxemburg – hat sich in Paris über Grenzveränderungen zu unseren Lasten und zu Gunsten der Beneluxstaaten geeinigt. Wir wollen diese angeblichen Berichtigungen beim rechten Namen nennen. Wir stellen schlicht Und sachlich fest, daß es sich hier um Grenzverfälschungen handelt.

Es darf keine Gebietsveränderungen geben, die nicht übereinstimmen mit dem frei geäußerten Willen des betroffenen Volkes. So konnte man es noch in der Atlantic Charter lesen. Dieses großartige Dokument war in der Sprache des guten Gewissensgeschrieben. Heute verändert man deutsche Grenzen, ohne die Deutschen zu fragen, aber man legt Wert auf die Feststellung, daß die Änderungen „provisorisch“ und „geringfügig“ sind. Als obprovisorisches Unrecht kein Unrecht wäre. Als ob Unrecht aufhörte, Unrecht zu sein, wenn es auf einer Landkarte im Maßstab 1:1 Million winzig aussieht. Der kleinräumige Imperialismus der Beneluxstaaten ist nicht sympathischer als die Großraumpolitik Hitlers. Denn jede bloße Raumpolitik, ob es sich um halbe Kontinente handelt oder um ein paar Quadratkilometer, verstößt gegen den Grundsatz, daß der Mensch wichtiger, ist als der Raum, Der Mensch hat über seine Heimat zu entscheiden, sei sie nun ein Dorf oder ein ganzes Land. Jeder Vorrang des Nutzens von Kohle, Öl und Eisenbahnen ist eine Kampfansage des Materialismus im die Menschenrechte. In der Atlantic Charter wurden noch die Menschenrechte gegen den Materialismus verteidigt.

Die deutsch-holländische Grenze bat seit dem Westfälischen Frieden bestanden. Kann ein Arbeitsausschuß von Siegerstaaten diese Grenze verbessern, wenn er das Wichtigste vergißt: den Willen der deutschen Bewohner? Dieser Wille ist weder provisorisch noch geringfügig. Er läßt sich nicht durch einen Machtspruch „berichtigen“.

Man hat uns noch nicht wissen lassen, welchen Umfang die sogenannten Berichtigungen haben und wann sie in Kraft treten sollen. Aber gerade bevor Beschlüsse in die Tat umgesetzt werden, müssen wir, vor soviel Kurzsichtigkeit warnen. Es ist kurzsichtig, wenn man dem massiven Land- und Heimatraab an der deutschen Ostgrenze nichts Besseres entgegenstellt als ein kleinliches Nagen an der deutschen Westgrenze. Es ist kurzsichtig, wenn man um geringer materieller Vorteile willen die gute Nachbarschaft aufs Spiel setzt. Es ist kurzsichtig, wenn, man europäische Grenzen verschiebt ineiner Zeit, die gebieterisch ein Europa fordert, das Grenzen alten Stils überhaupt nicht mehr kennt,

Wer ist nun nationalistisch: die Beneluxstaaten, die sich gegen das Völkerrecht auf unsere Kosten bereichern wollen, oder wir, die wir diesem Rechtsbruch mit einer ernsten Warnung begegnen? Nationalismus ist nationaler Egoismus. Und wer ist denn egoistisch: der Mann, der einem anderen seine Uhr gewaltsam wegnehmen will, oder der rechtmäßige Besitzer dieser Uhr, der sie zu behalten wünscht? Das Taschenformat der Beneluxansprüche legt diesen Vergleich besonders nahe.Der Bürgermeister von Amsterdam; d Ailly, hat gesagt: „Annexionen oder Grenzkorrekturen gehören einer Zeit an, die vorüber; ist. Sie würden nur Ressentiments wecken“. Es will uns scheinen, dáß indiesem Ausspruch mehr politische Weisheit enthalten ist als in den Absichten des Sechsmächteausschusses von Paris. Fr-