in Rhodos wird wieder. einmal über den Waffenstillstand in Palästina verhandelt, nur daß diesmal die Juden nicht mit „den Arabern“ verhandeln, sondern vorläufig nur mit den Ägyptern. Diese Beschränkung wird vielleicht den Vorzug haben, daß tatsächlich eine Einigung zwischen Israel und Ägypten zustande kommt, aber vermutlich „auch den Nachteil einschließen, daß sie unter Umständen nur ein Teilergebnis bleiben wird, denn Transjordanien hat bereits erklärt, daß es die Verhandlungen in Rhodos mißbillige. Und dies, obgleich Abdullah von Transjordanien ständig mit den Juden verhandelte, und deshalb er unter dem Vorwand, die Waffenstillstandsbedingungen nicht verletzen zu können, sich weigerte, die Arabische Legion im Negeb einzusetzen.

Vor genau acht Monaten begann der offizielle Krieg in Palästina, den Juden und Araber mittlerweile gleichermaßen satt haben. Die Juden, weil sie erreicht Haben, was sie wollten, und die Araber, weil sie fürchten müssen, noch mehr zu verlieren als bisher. Eines hat sich am Beispiel Palästinas sehr deutlich gezeigt, daß in dieser Zeit, der es an konstruktiven Ideen fehlt, nur der weiterkommt, der genau weiß, was er will und entschlossen ist, ohne jede Rücksicht und ohne alle Bedenken seine Pläne so rasch wie möglich in die Tat umzusetzen.

Der jüdische Staat, über den jahrzehntelang fruchtlos, debattiert wurde, ist in diesen wenigen Monaten eine unwiderrufliche Tatsache geworden und hat bereits, die Zentralfrage, das Minderheitenproblem, „gelöst“. Allerdings vorwiegend dank des uneingeschränkten Waltens seiner terroristischen Organisationen; sie hatten bereits am Vorabend des Krieges etwa 90 v. H. der Araber, die in den den Juden zugesprochenen Teilen Palästinas saßen, herausgeängstigt, wodurch denn die Errichtung eines „völkischhomogenen“ Staates garantiert wurde. – In den seither vergangenen Monaten ist es den Juden gelungen – ohne daß die Welt dies eigentlich bemerkt hätte –, etwa 100 000 Einwanderer nach Palästina hineinzuschleusen, eine Zahl, die man ursprünglich als Einwanderungskontingent für die nächsten zehn Jahre vorgesehen hatte! Die Streitkräfte Israels sind heute so stark, daß jeder arabische Widerstand gegen sie sinnlos wäre. Sei Beginn des Waffenstillstandes verfügten die Juden über 40 Flugzeuge, von denen aber nur acht kriegsmäßig zu verwenden waren, der Rest bestand zumeist aus Privatmaschinen. Schon im Dezember aber war die Zahl auf 110 bis 120 angestiegen, von denen, allein 30 Maschinen vom Typ Messerschmitt 109 direkt von einer tschechischen Staatsfabrik nach Tel Aviv geliefert worden sind. – Das Waffeneinfuhrverbot hat für Israel, also doppelte Frucht getragen, denn im Gegensatz zu den Oststaaten stellten die Weststaaten sofort auch die normalen Lieferungen an die arabischen Staaten ein.

Wenn man anderseits einmal, für alle sonstigen am Palästina-Konflikt Beteiligten die Bilanz zieht, ergibt sich ein recht klägliches Bild: die politische Einheit der Arabischen Liga ist zerstört, und fast ein Drittel aller palästinensischen Araber vegetiert unter elenden Umständen in den Flüchtlingslagern der Nachbarstaaten. Die UNO hat den Rest ihrer Autorität und Reputation eingebüßt. England und Amerika haben sich häufig und nachhaltig über ihre jeweilige Palästinapolitik geärgert, was das gegenseitige Vertrauensverhältnis sicherlich nicht gestärkt hat. – Die Russen haben sich so sehr in die Rolle der Beschützer Israels hineinmanövriert, daß man meinen könnte, die englische Politik im Vorderen Orient verletze die ältesten und heiligsten Gefühle der Sowjets. Und schließlich hat die Entwicklung der letzten Wochen die Stellung Bevins sehr stark erschüttert.

Bevins Palästinapolitik wird nicht nur von den Konservativen, sondern auch innerhalb, der Labour Party außerordentlich scharf kritisiert Es wird ihm. vorgeworfen, daß er. durch die Nichtanerkennung des Staates Israel die radikalen jüdischen Elemente gefördert und eine vernünftige Politik unmöglich gemacht hatte. Man kritisiert die Entsendung der Aufklärungsflugzeuge in den Bezirk der ägyptisch-palästinensischen Grenze und desgleichen die Maßnahmen, die dieenglische Regierung ergriff, nachdem fünf dieser Maschinen von den Juden abgeschossen worden waren. Man findet die Generalstabskonferenz, die Alarmierung der Flotte im Mittelmeer, die Evakuierung des britischen Personals der Ölraffinerien in Haifa und überhaupt die Aufregung der englischen Weltmacht angesichts des embryonalen israelitischen Staatswesens würdelos, und ärgerlich. Und schließlich macht man Bevin für den Rückgang des britischen Prestiges und Einflusses im Nahen Osten verantwortlich.

Die Verteidiger der letzten Bevinschen Maßnahmen können mit Recht darauf hinweisen, daß die Verträge Englands mit Ägypten – und mit Transjordanien, in denen wörtlich steht: „Sollte eine der vertragschließenden hohen Parteien in einen Krieg verwickelt werden, so muß die andere ihr sofort zu Hilfe kommen“, in der überhitzten Atmosphäre des Vorderen Orients tatsächlich zu Situationen führen kann, die jede Form einer wachsamen Vorbereitung rechtfertigen. So könnten neue Gefahren entstehen, wenn die Wahlen in Israel, die in etwa drei Wochen stattfinden, die extremen und radikalen Parteien an die Macht bringen sollten, was bei der sehr verständlichen Überbewertung der Gewaltpolitik, welcher Israel bisher sein Bestehen und seine Erfolge verdankt, durchaus möglich wäre. So fordert die sogenannte Freiheitspartei, die sich aus den alten Reformisten und den zu – ihnen gestoßenen Mitgliedern der aufgelösten Irgun Zwai Leuna rekrutiert, beispielsweise die Einheit des Jordantales unter jüdischer Herrschaft, sie erhebt alsoAnspruch auf Teils Transjordaniens, und das ist nicht nur für Abdullah, sondern auch für England peinlich.

Marion Gräfin Dönhoff