Zur Situation des deutschen Theaters – Die Frankfurter Krise

Die Neigung, kommunale Finanzschwierigkeiten durch Kulturabbau zu lösen, fordert immer neue Opfer, Auch die Stadt Frankfurt am Main, deren Kunstleben durch die schweren Zerstörungen ohnehin schon stark reduziert ist, scheint unbedingt entschlossen, ein Beispiel dieser unrühmlichen und in jeder Hinsicht „billigen“ Methode geben zu wollen. Teuer wird dies Verfahren allerdings unserer kulturellen Zukunft zu flehen kommen.

Arm, nicht einmal so sehr am Beutel – denn ein jährlicher Zuschuß von 2,6 Millionen DM, den Frankfurt seinen Städtischen Bühnen zur Verfügung stellt, ist unter den heutigen Verhältnissen ganz respektabel – aber arm am Leibe –, sofern man Spielräume, Garderoben und was sonst noch dazu gehört, als die leibliche Hülle der Theaterseele bezeichnen kann (es gibt in Frankfurt keinen einzigen geeigneten Theatersaal und der Opernchor muß von der Bühne durch ein Trümmerfeld in seine Garderobe marschieren), besonders aber krank am Herzen, denn es fehlt offensichtlich der befeuernde Impetus – so schleppt das Frankfurter Theater seine müden Tage, wenn auch oft vor ausverkauften Häusern, nun schon drei Spielzeiten seit dem Kriegsende. Die ortsansässige Presse reitet Attacke auf Attacke, bald gegen die Theaterleitung, bald gegen die zuständigen Männer des Magistrats. Gegen jene, weil sie es nicht verstehe, die Problematik der Zeit durch eine bessere Auswahl der Stücke auf die Bühne zu bannen, gegen diese, weil sie die vom Stadtparlament bewilligten Gelder nicht zweckmäßig genug ver-– wendeten. Sogar an der Verleihung des Goethe-Preises an Fritz von Unruh wurde in diesem Zusammenhang Kritik geübt. Dazu bleibt festzustellen, daß diese Entscheidung, so fragwürdig sie auch vom literarischen Standpunkt sein mag, Tom finanziellen – und er wurde in den Vordergrund gerückt. – doch nur eine. Bagatell-Affäre ist.

Dieser durchaus nicht kalte, sondern zuweilen sehr heiße Krieg um das Frankfurter Theater Amte beinahe in einen Schießkrieg aus, als der Magistrat am Jahresende etwa einem Drittel der Bühnen mitglieder „vorsorglich“ kündigte, weil der Haushaltsplan einem anderen Zeitpunkt Tom Stadtparlament „genehmigt wird, als die Spielzeit, und damit die Vertragsfristen für die Bühnenmitglieder enden. Sollte also das Stadtparlament die Subventionen in der bisherigen Höhe nicht mehr genehmigen, dann müßten, nicht eine vorsorgliche Kündigung erfolgt, die Gagen ungekürzt weitergezahlt werden. Daß eine solche Maßnahme unter den Betroffenen eine Panikstimmung hervorrief, ist verständlich. Ob man sie nicht hätte vermeiden oder wenigstens mildern können, bleibe dahingestellt. jedenfalls haben einige Solokräfte des Ensembles daraufhin Engagements in anderen Städten angenommen.

In einer Pressekonferenz, die der Oberbürgermeister der Stadt veranstaltete, wurde betont, daß andere Städte voraussichtlich den gleichen Weg der Einsparungen würden gehen müssen und daß, wo man obdachlosen jugendlichen kaum die primitivste Unterkunft bauen könne, nicht Subventionsgelder für Staffagen ausgeschüttet werden dürften. Dieser Einwand, auch vom Standpunkt des Stadtkämmerers nur dann überzeugend, wenn nicht nachgewiesen werden: kann, daß mit den verfügbaren Mittels möglicherweise Besseres hätte geleistet werden können (was behauptet wird), entschuldigt, von manchem anderen abgesehen, beispielsweise nicht die Entscheidung der Bühnenleitung, die Feier des Goethe-Jahres mit einem der am wenigsten bemerkenswerten Stücke Goethes zu beginnen.

Was an der Frankfurter Theaterkrise über die örtlich und personell bedingten Unzulänglichkeiten hinaus symptomatisch ist für die Situation des Theaters in Deutschland überhaupt, ist die Erstarrung in der aus einer nach anderes Wertmaßen geformten Welt überkommenen Tradition und damit die Disharmonie zwischen dem von uns sooft als unecht empfundenen Leben auf der Bühne und dem der Wirklichkeit die Befangenheit in einer Repräsentation, die nicht Spiegel unserer Zeit ist. Aber damit ist ein Thema berührt, das über den Rahmen des Theaters, der Akteure wie der Autoren, in die geistige Problematik unserer Zeit hinausgreift.