Im Namen Allahs des Allerbarmers, des Barmherzigen! An den Herrn und Muslim, Messali El Hadsch, El-Jesair.“ So beginnt ein? arabische Einladung aus dem Jahr 1944. Die so geladenen Gäste versammeln sich in der weiten Halle eines alten arabischen Hauses in Algier, dessen Wände mir Koransprüchen beschriftet sind. Man sieht würdige Gelehrte mit schneeweißen Turbanen, Professoren der Medersa und Scheichs der religiösen Brüderschaften – kaum jedoch Europäer. In einem Winkel der Halle bespricht der Gastgeber mit dem Ehrengast politische Fragen. Der Gastgeber ist der erste Botschaftsrat des Sowjetbotschafters Bogomolow, im Muslim aus Buchara; der Ehrengast ist der Führer der algerischen Nationalistenpartei „Parti du peuple Algerien“ Messali el Hadsch. Er ist erst vor einigen Tagen – mit anderen Nationalistenführern zusammen aus dem Gefängnis entlassen worden, auf Drängen der kommunistischen Zeitungen Liberté und Humanité und dank einer Intervention Bogomolows; der sich bei de Gaulle über diesen Akt imperialistischer Kolonialpolitik, beschwert hatte. Jetzt versichert er den Botschaftsrat und Glaubensbruder seiner Dankbarkeit und seiner Bereitwilligkeit zur Zusammenarbeit. Er weiß ja nicht, daß den Verhaftungen eine kleine geschickte Provokation von kommunistischer Seite zugrunde lag.

Ähnliche Szenen konnten während des Krieges und in der Nachkriegszeit in allen arabischen Ländern beobachtet werden, in denen Sowjetvertretungen bestanden. Stets stammen, einige hervorragende Mitglieder des Botschafts- oder Gesandtschaftsstabes aus den mohammedanischen Gebieten der UdSSR und stets leben sie in einer betont islamischen Tradition. Sehr oft haben sie bei den nationalen Parteien ihrer Gastländer beträchtlichen Einfluß, und es erhebt sich darum die Frage: Sind diese Parteien und Personen, die mit den sowjetischen Vertretungen zusammenarbeiten und deren Schlagworte benutzen, Kommunisten? Sind die Ikhwan el Muslimin, die moslemische Brüderschaft in Ägypten mit ihrem radikalen Sozialprogramm und ihrem Kampf gegen Großgrundbesitzer und Paschas, Kommunisten oder ist der Mufti Hadsch Amin el Hussein! Kommunist, weil er gelegentlich gewisse Verbindungen zu sowjetischen Kreisen zu unterhalten scheint?

Jeder Kenner arabischer Verhältnisse wird diese Frage verneinen. Parteien im arabischen Raum sind eben nicht Parteien im westlich-parlamentarischen Sinn, sondern Familiengruppen oder religiöse, Bewegungen, die zwar oft europäische Thesen auf ihre Fahnen schreiben, um Anlehnung und Unterstützung zu finden, die diese aber sofort wechseln, wenn die taktische Lage es angebracht erscheinen läßt. Die „Parti du peuple Algerien“ zum Beispiel war schon zweimal kommunistisch (1936 als Teil des kommunistischen „Etoile de l’Afrique du Nord* und 1944), während sie in den Zwischenperioden und seit 1946 einen scharf antikommunistischen Kurs verfolgt Allerdings gibt es in den am weitesten europäisierten Teilen; der arabischen Länder, die ein entwurzeltes Proletariat besitzen, auch echte kommunistische Bewegungen, so vor allen in den syrischen und libanesischen Metallarbeiter- und Verkehrsgewerkschaften, ferner in Ägypten, wo die kommunistische Partei trotz des Verbotes unter den Arbeitern Alexandrias eine nicht unbeträchtliche Anhängerschaft besitzt, und in den Hafengewerkschaften Algeriens.

Diese Bewegungen berühren jedoch die arabische Welt nur am Rande. Sie selbst ist, solange und soweit sie islamisch bleibt, dem dialektischen Materialismus verschlossen. Die bestehenden sozialen Spannungen, die man sicher nicht übersehen darf und die in der Nachkriegsepoche durch Arbeitslosigkeit und Inflation noch verstärkt wurden, werden nicht ab „Klassengegensätze“ empfunden, und haben bisher ihre Auswirkung meistens in religiös-nationalistischen Erneuerungsbewegungen gezeigt – denn Jeder Klassenkampf verliert seinen Sinn bei Menschen, für die die Vorschriften und Gebote des Koran lebendiges Gesetz sind.

Und doch ist der Kommunismus heute eine Macht im Nahen Osten, nicht deshalb, weil man damit rechnen müßte, daß weite Teile der arabischen Bevölkerung kommunistisch werden könnten, sondern weil außenpolitische wie innenpolitische Spannungen die Persönlichkeiten, die den Weg der arabischen Politik entscheiden, einem taktischen Bündnis mit den Sowjets geneigt machen könnten. Die Sowjetpolitik beschränkt sich im Nahen Osten keineswegs auf die Unterstützung Israels, sie ist vielmehr äußerst aktiv und weiß alle Spaltungen in der Arabischen Liga, alle Familienfehden und dynastischen Streitigkeiten, alle sozialen Probleme und Minderheitsfragen und vor allem alle Fehler in der Politik der Westmächte geschickt auszunutzen. Religiös-soziale Erneuerungsparteien in Ägypten werden ebenso unterstützt wie die Kurden im Iran und Irak und die Armenier im Irak und Syrien; ein besonders gutes Instrument der Sowjetpolitik ist die russisch-orthodoxe Kirche, die zahlreiche Verbindungen zu den christlich-arabischen Kirchen des Nahen Ostens unterhält.

Der Führer der arabischen Freischaren in Palästina, Fauzi Kaukji, hat gelegentlich einmal erklärt: „Wenn die Westmächte weiterhin das arabische Recht-auf die Selbstbestimmung im eigenen Land mißachten und sich offen auf die Seite unserer Feinde stellen, so werden wir Verständnis und Hilfe bei der Sowjetunion suchen müssen!“ Das ist heute vermutlich noch eine nicht ernst gemeinte politische Drohung, kann aber morgen schon Wirklichkeit werden. Es gibt wenig Kommunisten im Nahen Osten, aber es gibt eine kommunistische Gefahr. Peter H. Schulze