Zu einem Buch Wilhelm Furtwänglers

Der große Dirigent, dessen Kunst die unverkennbare Ausstrahlung einer ganz in sich ruhenden starken Persönlichkeit ist, hat bereits mehrfach zur Feder des Schriftstellers gegriffen, um seiner Musikauffassung auch mit dem Wort Ausdruck zu geben und ihr Geltung zu verschaffen. Jetzt legt er im Atlantis-Verlag, Zürich, ein Buch vor, das den Titel trägt: „Gespräche über Musik“.

Dieses Buch hat eine aufschlußreiche Vorgeschichte. Seine Konzeption liegt – wenigstens im Hauptteil – weit über ein Jahrzehnt zurück, und im Vorwort des Verlages wird als eine Feststellung des „ursprünglichen Herausgebers“ (und Gesprächspartners) zitiert, daß diese „Gespräche“ wirklich stattgefunden haben und daß „in – der späteren Überarbeitung wenig an der Originalgestalt geändert worden sei.“ Warum der „ursprüngliche Herausgeber“, der im Vorwort mit seinem Namen zwar noch genannt wird, jetzt nicht mehr als solcher figuriert, wird nicht gesagt.

Es handelt sich um den Komponisten und Musikschriftsteller Walter Abendroth, der den Lesern der „Zeit“ auch darum bekannt ist, weil er dem Redaktionsstab dieser Wochenzeitung angehört. Wer dessen Veröffentlichungen kennt, keit geneigten Partner von Anfang an in die Rolle des nebensächlichen Interviewers drängte und, seinen eigenen Faden weiterspinnend, schon immer abwinkte, sobald jener seinerseits dazu ansetzte, Äußerungen seiner Meinung oder einen anderen Gesichtspunkt geltend zu machen. Bei der nachfolgenden Durcharbeitung der Niederschriften dieser Gespräche, die sich auf Seiten Furtwänglers über Monate und Jahre erstreckte, wurde dieses Mißverhältnis zwischen den Gesprächsanteilen mehr und mehr verschärft. Infolgedessen zog sich Abendroth von dieser Angelegenheit zurück und verzichtete im Einvernehmen mit dem verständnisvoll entgegenkommenden Verleger auf die Herausgeberschaft, obwohl das Buch auf seine Anregung entstand. Er Wolke sogar in diesem Zusammenhange nicht mehr genannt sein.

Diese Geschichte eines Musikbuches wirft ein charakteristisches Licht auf das Wesen des Künstlers Furtwängler. Es ist durchaus monologischer Natur. Der echte Dialog, die Auseinandersetzung mit einem anderen Ich, regt es nicht an, sondern irritiert es. Das spiegelt sich auch im Gedanklichen.

Der künstlerische Denker, der hier in sieben Kapiteln – das siebente wurde nachträglich nun wirklich von Furtwängler allein unter Verzicht auf den dialogischen Anschein geschrieben – monologisiert, dieser Denker also ist ein Isolierter auch, in der heutigen musikalischen Welt. Sein musikalisches Vorstellungsbild gründet ausschließlich auf dem Phänomen der deutschen Klassik mit den Grundpfeilern Beethoven und Brahms. Diese sind ihm nicht nur Repräsentanten einer großen Epoche, sondern schlechthin Inbegriff der letzten, der äußersten Möglichkeiten der Musik, deren Schaffensgesetze als dem Unwesen der Musik einzig entsprechend, also unveränderlich verbindlich für alle musikalischen Kunstäußerungen (auch bezüglich der Interpretation) gesehen werden. Das ist der Kern des Furtwänglerschen Musikglaubens, wie er auch aus seinen früheren schriftstellerischen Äußerungen bekannt ist. Was von Musikschöpfungen außerhalb der klassisch-romantischen Epoche und besonders aus neuer Zeit noch – mehr oder minder bedingt – in diese Anschauungswelt eingelassen und als bleibende Werte erkannt wird, sind bezeichnenderweise in erster Linie solche Werke, die dem Orchesterleiter bewährte Eindrucksmöglichkeiten bieten und auch dem-Publikum leicht eingehen. Was er über das Dirigieren selbst sagt, ist übrigens aufschlußreich nicht nur für den Beruf des Orchesterleiters selbst, sondern auch für sein eigenes Musizieren. Furtwängler berruft sich beileibe nicht auf die Vox populi, aber er wüst ihr doch das Gewicht einer Stamme der Wahrheit zu und respektiert sie dementsprechend. Er bemüht sich um den Nachweis, daß ihr Entscheid am Ende mit seiner höheren Einsicht einig geht.

Es braucht nicht betont zu werden, daß selbstverständlich alles von einer höheren Warte aus und unter vielfältiger geistvoller Beleuchtung, mit fesselnden gedanklichen Beziehungen zu anderen, allgemein menschlichen und geistesgeschichtlichen Problemen behandelt ist in diesem Buch. Die Ausschließlichkeit der verkündeten Ideale und verteidigten Begriffe bezeugt hier alles andere als Enge des Blickes. Sie bestätigt vielmehr eine Strenge der Maßstäbe, die gerade am Zielpunkt eines Weges durch die größten Weiten und Tiefen steht und zuletzt die Auswahl des Anerkannten qualitativ immer kleiner werden, läßt. Dennoch ließe sich manches dazu – sei es aus anderer Einstellung dafür, sei es aber auch (noch mehr) dagegen – sagen. Es ist nicht gesagt worden, da es Gespräche ohne Widerrede waren. Josef Marein