Das „Deutsche Theater“ in Berlin tat seit Langhoffs Intendanz und der sich damit anbahnenden Ost-Politisierung dieser berühmten Bühne keine großen Abende mehr gehabt. Die Wiederkehr Brechts und die Entdeckung eines neuen, wesentlich gewandelten Brecht in der „Mutter Courage“ jedoch hat den Namen der Bühne wieder lebendig gemacht. Der erste Regisseur der „Dreigroschenoper“, Erich Engel, und der Dichter selbst hatten sich zusammengetan, um der „Chronik aus dem Dreißigjährigen Kriege“ szenische Gestalt zu geben.

Brecht ist in den zwanziger Jahren als der Auflösen. des Dramas bekanntgeworden, als der kühne, brutale Autor der Lehrstücke, der Präzeptor eines gnadenlos undichterischen Theaterstils. Indessen aber hat diese Auflösung des Dramatischen die Bühnen der Welt erfüllt. Thornton Wilder und William Saroyan sind gekommen, die transponierende Conference und der Bilderbogen sind vertrauter „Stil“ geworden. Und nun kommt Brechts Chronik vom großen Krieg. Doch das ist kein Bilderbogen mehr und auch kein Anklage- und Thesenstück, wie sie sich zu Dutzenden aus dem mißverstandenen Brecht entwickelt haben. Wohl ist der Halbleinenvorhang mit der balladesken Inhaltsangabe vor jedem Bilde da, wohl durchklingt Song und Sprechgesang zur von oben heruntergelassenen Landknechtstrommel die Wanderung der Menschen durch Krieg und Kriegsmythus. Aber Leid und Unglück, bissig scharfer Humor, die sich in den holzschnitzartigen Bildern zur großen Melodie fügen, dienen nicht – wie ehedem bei Brecht – auch noch der großen Schlußanklage gegen die „Mächtigen“, dem großen Plädoyer für die „Gequälten“. Die „Mutter Courage“ ist kein Klassenkampfstück – wenn auch den kleinen Leuten, den Marketendern und Köchen, Soldaten und korrumpierten Feldpredigern Brechts besondere Vorliebe gilt, und ihre Tüchtigkeit, in der Vergewaltigung des Krieges das Ihre zu tun, ein wesentliches Motiv der Handlung ist. Aber alle Gestalten sind realistisch gesehen. Es gibt ja dieser Chronik keine Menschen, die restlos gut, und keine, die restlos böse sind. Menschen sind sie, ausgeliefert dem Kriege; und es gehört zu den erschütterndsten Eindrücken dieser dreieinhalbstündigen Fahrt durch den, Krieg, wie die Mutter Courage, während der Trommelwirbel das Leichenbegängnis Tillys dumpf übertönt, im Vordergründe das Los der Großen, nichts zu wissen und nicht mehr zu können als ihren Auftrag, beklagt

Die Korrumpierung des Menschen und aller seiner Erscheinungsformen durch den Krieg ist der makabre Thema dieses Dramas, das mit der Strophe schließt! „Mit seinem Glück,“ seinen Gefahren, der Krieg, er zieht sich etwas hin: der Krieg, er dauert hundert Jahre, der gemeine Mann hat keinen Gewinn.“ So wurde dies Stück, das gewissermaßen metaphysisch-dramatisch ist, ohne die klassischen Stationen des Dramas zu kennen, gespielt! von der eindrucksschwer unpathetischen Helene Weigel, der Frau des Dichters, mit einer menschlichen Haltung, die das Bild der den Kahren ziehenden Heimatlosen dem Gedächtnis unauslöschlich einprägte, und von Angelika Hurwicz, der stummen und vielfältig geschlagenen Tochter, mit Werner Hinz, dem Feldprediger, Paul Bildt, dem Koch, und dutzenden, den Brechtschen Stil bis ins kleinste treffenden Chargen, durchtönt von der Musik Paul Dessaus, die ganz in der Nachfolge Kurt Weills verbleibt. Es war eine dichterische Verklärung des Gemein-Menschlichen, die an dieser Bühne Um so tiefer wirkte, als sie den Kontrast zum thesenhaften Beginn Brechts und der Schablone seiner armseligen Epigonen bis in jedes Wort hinein fühlen ließ. KW