Immer noch leben weit über 300 000 Deutsche in russischer Kriegsgefangenschaft. Und noch viel größer wird die Zahl derjenigen sein, die zwar heimgekehrt sind, aber den seelischen Schock der langen Zeit hinter Stacheldraht noch nicht überwunden haben. Denn die Kriegsgefangenschaft verändert den Menschen, Diese Veränderung, die von Mitmenschen und Umweit ebenso häufig übertrieben wie bagatellisiert wird, würde jetzt erneut durch Psychologen im Auftrage der Worlds Y. M. C. in Entlassungslagern der britischen. Zone untersucht.

Wir leben im Zeitalter der Lager. Konvent trationslager, Auffanglager, Flüchtlingslager und – Gefangenenlager sind irgendwie kennzeichnend für den heutigen Menschen. Charakteristisch für all diese Lager ist die enge Zusammenpferchung vieler Menschen und der Entzug der persönlichen Freiheit in größerem oder kleinerem Maße. Diese beiden Hauptmerkmale, Verengung, der Freiheit des einzelnen und Zusammenfassung einer Masse Menschen auf kleinstem Raum, treffen in größtem Ausmaß auf die Gefangenenlager zu. Deshalb ist es verständlich, daß sich die Psyche der Menschen, die lange in ihnen leben, in vielem, ja in Grundsätzlichem wandeln kann. Die Wissenschaft – Psychologie und Psychiatrie – hat sich schon seit dem ersten Weltkrieg mit diesen seelischen Veränderungen beschäftigt und sie zunächst einmal unter dem Namen „Stacheldrahtkrankheit“ zusammengefaßt.

Die Veränderungen, die während oder nach der Gefangenschaft eintreten‚ sind bei den einzeln nen Menschen, je nach ihrer seelischen Beschaffenheit, verschieden. Das erschwert die Erkenntnis von Gesetzmäßigen sehr. Von besonderer Tragik für den Gefangenen ist es, daß er den Stacheldraht auch innerlich – durch einen Willensentschluß etwa – kaum überwinden kann. Das hindert ihn an einer richtigen Stellungnahme in bezug auf sich selbst und auf die Umwelt und führt zwangsweise zur einem „neurotischen Konflikt“. Denn unter einem Neurotiker versteht man ja einen Menschen, der bestimmten Stellungnahmen immer wieder ausweicht oder ausweichen muß und daher immer falsch; realen; schließlich bildet sich bei ihm zwangsläufig ein ganzes System falscher Stellungnahmen zu den wichtigsten Dingen.

Die auffallendste Erscheinung eines längeren Lebens in der Kriegsgefangenschaft ist der Mangel an wirklich echtem Gemeinschaftsgefühl. Echtes Gemeinschaftsgefühl verkümmert im Massenkollektiv der Kriegsgefangenschaft. Das soziale Gefühl wird armer. Schweigsamkeit, Verschlossenheit, Reserviertheit und ausgesprochenes Distanzbedürfnis zeigen sich immer auffallender in den – Verhaltensweisen. Ein geringes Kontaktbedürfnis geht mit abnehmender Kontaktfähigkeit; einher, und es entsteht dadurch jenegemeinschaftsfremde Lebenseinstellung im Denken und Handein, die wir „Autismus“ nennen: In-sich-hineinleben. Dieser Autismus erklärt sich durch eine seelische Überempfindlichkeit. Man hält sich Gefühlvolles, erst, recht Sentimentales fern – man verkriecht sich davor, weil man sich vor ihm fürchtet. Man will kein Mitgefühl’und kein Mitleid, erst recht nicht von der Heimat, man will keinen fremden Zutritt in das eigene Innere und dessen Zerrissenheit und Labilität. Dadurch entstehen Reizbarkeit, Unwilligkeit,Eigensinn, Pedanterie, kurz – Extreme überhaupt und in jeder Richtung, – Diese geistig-seelischen Veränderungen können eine solche Stärke annehmen, daß sie pathologisch werden und in ihren Äußerungen Symptomen der, Schizophrenie ähneln.

Der Kriegsgefangene selber lebt in der ständigen Angst, einmal geisteskrank zu werden. Durch diese Angst wird bei vielen das Bedürfnis hervorgerufen, sich aufzuschließen. Die Feststellung aber, daß sie nicht mehr fähig sind, sich aufzuschließen, läßt sie um so tiefer und sichtbarer leiden. Es gibt ja gar keine Ergänzungsmöglichleiten, keinen Ausgleich, keine Polarität, erst recht keine gesunde Wechselwirkung der Geschlechter;es ist ja kein einziger da, der wirklich über der Situation stünde, kein Lagerältester,lein Pfarrer, kein Arzt, denn sie alle sind ja aus dem gleichen Milieu. Man kann nicht einmal ausführlichschreiben, denn die wenigen erlaubten Briefformulare nehmen nur einige Mitteilungen und Fragen auf. Dazu kommen die tiefen seelischen Belastungen, wie zum Beispiel das Ausbleiben der Post aus der Heimat, und so frißt man alles in-sich hinein, wodurch schizophrenieähnliche Züge geradezu unvermeidlich werden. – Dadurch wirken viele Kriegsgefangene so unnahbar, ja so unheimlich. Je mehr man sich vom Stacheldrahtzaun „um das Lager entfernt, desto höher wächst der Zaun um das eigene Herz. Gewiß, es gibt keine krankhafte Persönlichkeits-Veränderung, deren alleinige Ursache die Kriegsgrfangenschaft ist. Das bedeutet, daß eine Stacheldrahtkrankheit als solche nicht existiert. Es sind nur; die Anlagen zu krankhaften Zuständen, die jeder gesunde, Mensch in sich trägt und die nun durch die Gefangenschaft verstärkt werden und zur Auswirkung kommen. Trotz ihres sehnlichsten Wunsches nach einer möglichst raschen Heimkehr ergreift die Gefangenen eine merkwürdige Angst, wenn es soweit ist. Einmal. fürchten sie sich vor der Verantwortung, vor der Initiative, die sie ergreifen müssen, vor dem Mut zur Freiheit, der jetzt wieder von ihnen verlangt wird – zum anderen haben sie sich die Heimat im Lager so voller Güte und Liebe erträumt, daß sie schon bei ihrer Entlassung dumpf fühlen, wie die Wirklichkeit sie enttäuschen wird. – So gerät der Heimkehrer sofort wieder in neue schwere seelische Depressionen: den Anforderungen eines freien, aber auch illusionslosen Lebens ist ier noch nichtwieder gewachsen. Erneut stellen sich psychische Hemmungen ein, die sich der Umwelt als Eigenbrödelei, Ablehnung oder geradezu absonderliche Schweigsamkeit zeigen.

Nun muß das Bemühen um die seelische Gesundung des Heimkehrers beginnen. Dieses Bemühen muß begründet sein in Verständnis für die Menschenscheu des ehemaligen Gefangenen, de gerade gegenüber den nächsten Anverwandten, der eigenen Frau, der Mütter oder den Kadern am stärksten ist. Nur Geduld kann in langem und liebevollem Warten all das Verkrampfte,die Hemmungen und Psychosen lösen, de mitder Entlassung aus dem Lager noch, nicht überwunden sind. Sicherlich muß vieles ja sogar das meiste – zur endgültigen Gesundung der Heimgekehrte selbst beisteuern. Aber es gibt Bedingungenpersönlicher, geistiger und auch materieller Art, die einfach vorliegen müssen, mim für den Mann, der jahrelang von Stacheldraht umgeben war, die Freiheit der Heimat auch zur Freiheit der eigenen Seele werden soll.