Zerstörende Strahlen, todbringende Fische, vergiftetes Wasser und Menschen ohne Heimat –

Dr. Bradley berichtet über die Wirkung der Atombombe

In Rußland wird fieberhaft an der Fertigstellung der ersten sowjetischen Atombombe gearbeitet. Die Gefahr eines Atomkrieges rückt damit immer näher. Um so erschütternder wirkt das Tagebuch des Arztes Dr. Bradley, das unter dem Titel „No place to hide“ (Kein Schlupfwinkel mehr auf Erden) kürzlich in Boston bei Little, Brown and Company erschienen ist. Aus ihm geht hervor, daß die Anwendung moderner Atomwaffen die Vernichtung eines großen Teils der Erde und unübersehbares Elend für die Überlebenden bedeuten würde.

Dr. Bradley sagt: „Nein!“ Es gibt auf dieser Erde keinen sicheren Ort vor der Atombombe. Und sein, vor kurzem erschienenes Tagebuch über die Versuche von Bikini lüftet einen Zipfel jenes dreifachen Schleiers, den militärpolitische Erwägungen, wissenschaftliches Verantwortungsgefühl und unvollkommene Kenntnis anscheinend undurchdringlich um die Wirkung dieser „unerbittlichen Waffe“ gelegt haben. Auch der junge amerikanische Mediziner wagt nicht alles zu sagen, kann oder darf es nicht. Aber er glaubt an jene alte Maxime: „Ihr sollt die Wahrheit wissen, und die Wahrheit soll euch frei machen.“ Darum schrieb er sein Buch. Darum wandte er sich nicht in einer Abhandlung an die wissenschaftliche Welt, sondern in einem Bericht an seine Mitmenschen. Und darum wählte er den Titel: „No place to hide“. – „Kein Schlupfwinkel mehr auf Erden.“

„In den drei Jahren der ‚Atom-Ära‘“, so heißt, es in dem Vorwort, „wurden fünf Bomben (oder sind es sechs?) zur Explosion gebracht. Nur bei den letzten beiden oder drei waren Menschen vorbereitet, um unter einigermaßen kontrollierbaren Bedingungen die Ergebnisse festzuhalten.“ Bradley war als „radiologischer Beratet“ bei der Operation Crossroad Mitte 1946 zugegen. Die Vorbereitungen für diese Aktion, – bei der eine Atombombe durch Luftabwurf und eine unter Wasser zur Detonation gebracht wurden, dauerten acht Monate ...

„Kindergartenkursus für Politiker“

Die Marine wollte die Wirksamkeit der Bombe auf Schiffe ausprobieren. Die Zielflotte bestand aus ausrangierten amerikanischen und erbeuteten deutschen und japanischen Kriegseinheiten. Unter ihnen befand sich der ehemalige schwere Kreuzer Prinz Eugen, der es dem Autor besonders, angetan hat und den er nie ohne ein vorangegangenes „graceful“ erwähnt. Die Armee suchte schon wochenlang vor Beginn der Versuche nach dem besten Piloten, der die erste Bombe über der Zielflotte abwerfen sollte. Ein Heer von Wissenschaftlern – Medizinern; Physikern, Biologen, Chemikern, Zoologen und Geologen – schiffte sich ein, um vom Flugzeug, von Bord oder von Land her Messungen und Forschungen anzustellen. Das amerikanische Schiff Burleson war für das Tierreich reserviert. „Nicht gerade von jeder Gattung zwei“, wie in der Arche, aber doch Hunderte von Lebewesen, um genügend Experimentiermaterial zur Hand zu haben. Reporter und Photographen aus aller Herren Ländern erschienen. Und auch politische-Beobachter aus Washington und anderen Hauptstädten hatten, eine Einladung angenommen, um, wie Bradley bissig bemerkt, „ihren Kindergartenkursus in Atomenergie zu absolvieren“.