Alles scheint paradox an diesem Inselstaat an der Peripherie Europas: das Land, dessen regen verhangene Weiden und bis ins Meer hinabsteigende Rasen an 360 Tagen des Jahres nichts von jenem leuchtenden Grün an sich haben, das der Insel ihren Namen gibt; die Menschen, gutmütig und streitsüchtig, Englisch sprechend und England bekämpfend, und nicht zuletzt die Politik... Irland hat für jedes Ding ein eigenes Maß und eigene Gesetze; die Smaragdinsel im Atlantik ist eine Welt für sich.

SS ist es denn kein Wunder, daß die Engländer selber sagen, sie hätten in der irischen Politik das Rechte stets zu spät getan. Landreform, Glaubensfreiheit und Home Ruh – immer hinkten ihre Entscheidungen hinter der Entwicklung her. Und auch in diesen Wochen erhob sich wieder eine „Zu-spät“-Stimme. „Hätte Großbritannien vor 50 oder 60 Jahren in diesem großzügigen Geist gehandelt“, so schrieb der Manchester Guardian „so hätte es den heutigen Schritt gar nicht zu tun brauchen.“ Gemeint war die Anerkennung jenes Schnitts, der das letzte formelle Band zwischen England und Fire zertrennte: Gegen Ende des vorigen Jahres, hat das irische Parlament die Aufhebung des External Relation Act beschlossen, der eine Beglaubigung der irischen Diplomaten und eine Zeichnung von Irlands internationalen Handelsverträgen durch den englischen König notwendig machte.

Damit wäre Eire offiziell in jeder Hinsicht eine Republik – wenn man sich nicht nach irischer Gewohnheit scheute, die letzten Konsequenzen zu ziehen. Ein fait accompli ist für Dublin – ebenso wie für London – noch lange keine reale Tatsache. Es wurde im Einvernehmen mit der britischen Regierung die „besondere Stellung Irlands“ geschaffen. Neben den Bürger des Vereinigten Königreiches und den Bürger des Commonwealth wird der Bürger Eires treten und in England eine bevorzugte Stellung einnehmen. Er soll nicht als Ausländer gelten, in der britischen Wehrmacht dienen dürfen, in Ministerien und Behörden verbleiben und nach Belieben freie Berufe ausüben können; kurz, auf diese Weise wird es ihm möglich sein, in England zu leben, als ob er Bürger des Commonwealth wäre, ohne es tatsächlich zu sein. Eire bemüht sich seinerseits, das „Gesetz über dieirische Republik nicht nur als Ende der englischen Herrschaft sondern zugleich als den Beginn einer neues irisch-britischen Freundschaft zu charakterisieren.

„Die Iren haben einen Haufen Geschichte“, so schrieb einmal eine irische Journalistin, „eines Haufen Politik – und sie haben die Grenze.“ Ein irisches Schulkind beschrieb diese einmal ab „eine gedachte Linie, die die guten von des – schlechten Menschen trennt. Wenn die Grenzs nicht wäre, hätte uns Onkel William zu Weihnachten eine Gans schicken können“. Niemand kann sich heute erinnern, auf welcher Seite das Kind lebte. Aber seine Definition gilt als unübertrefflich. Seit durchs den Home Räte Act 1920 und den englisch-irischen Vertrag von 1921 Ulster im Norden von Eire abgetrennt wurde, bewegt „die Grenze“ die Gemüter. Ulster, protestantisch industrialisiert und englandfreundlich, ist das genaue Gegenteil von Eire und mit eigener Regierung und eigenem Parlament ein Teil der Vereinigten Königreiche. In Dublin hat man diesen englischen Besitz auf der grünen Insel stets besondere „Schande“. empfunden. Heute siecht man nun neue Chancen, die partition, aufzuheben

Eire, das im zweiten Weltkrieg neutral blieb, weiß sehr wohl um seine strategische Bedeutung. Die letzten Luftmanöver England haben erneut – gezeigt, welche unschließbare Lücke die Insel im Westen in Englands Festungsgürtel darstellt. Und darum fehlt Eire heute, obgleich Marshall-Land und antikommunistisch par excellence, im westeuropäischen Militärorchester; Sein Preis für den Beitritt zur Westunion und zu dem Atlantikpakt und für die Öffnung von Flug- und Flottenbasen ist – Ulster. Mit viel Geschick und Elan haben die irischen Diplomaten den Angriff gleichzeitig in Washington und London vorgetragen. Und Ulsters Ministerpräsident Sir Basil Brooks – der sich anscheinend über die Wichtigkeit strategischer Gesichtspunkte in der heutigen Politik keinem Zweifel hingibt, flog Anfang. dieses Monats unverzüglich nach London, um nach dem Rechten zu sehen.

Noch ist nichts entschieden. Washington hat sich bisher jeder Stellungnahme enthalten. Die Standpunkte der übrigen Parteien sind eindeutig. Ulster, beherrscht von der englandfreundlichen Unionspartei, lehnt jede Diskussion über die Vereinigung ab; von seiner Bevölkerung dürfte höchstens ein Drittel den Anschluß wünschen. England bemüht sich, Dublin nicht vor den Kopf zu stoßen, aber den irischen „Dickköpfen“ doch klarzumachen, daß eine Einverleibung nur nach einem Volksentscheid erfolgen kann. Eire hingegen pocht auf die historische Untrennbarkeit der Insel. Politische Beobachter meinen allerdings, dies Pochen sei zwangsläufig. Denn de Valera, der bei den vorigen Wahlen geschlagens Führer der Fianna Fall, bereitet sich jetzt schon auf die nächsten Wahlen vor und propagiert die Vereinigung. So bleibt dem Ministerpräsidenten der ersten Koalitionsregierung Eires, Costello, dem Führer der an sich viel gemäßigteren Fint Gael, nichts anderes übrig, als ebenfalls dem Hasen nachzujagen.

Darüber hinaus wissen die Iren, daß ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von England heute größer denn je und die Zeit der gewaltsamen Lösungen – vorbei ist. Man wird seine Trümpfe gewiß nicht vorschnell aus der Hand geben. Doch das Sprichwort von den Hitzköpfen, die in der irischen Politik am erfolgreichsten seien, wird durch den vernunftbestimmten Kurs der Dubliner Regierung Lügen gestraft. Auch dies ist eines jener Paradoxe der Insel im Atlantik. Und sicher nicht das unbedeutendste. Claus Jacobi