Von Hans E. Hölscher

Man wird es mir hoffentlich nicht als groben Mißbrauch anrechnen, wenn ich diese berühmte Überschrift herbeiziehe, um auf die Tatsache hinzuweisen, daß es von Zeit zu Zeit notwendig sei, die Begriffe Held und Heldentum von planmäßiger Mißdeutung zu befreien und auf ihre wahre Substanz zurückzuführen. Um aber auf diesem Wege einige Schritte vorwärts in die Klarheit tun zu können, scheint es mir unerläßlich, zunächst die Tatsache anzuerkennen, daß die Summe der menschlichen Schwächen und Tugenden sich unvermindert durch die Jahrhunderte forterbte, und daß auch im einzelnen Treue und Tapferkeit, Geduld und Liebe, Wollust und Grausamkeit, Habgier und Haß die bewegenden Urkräfte des menschlichen Herzens bleiben. Und wenn auch manche Historiker dazu steigen, je nach ihrer Einstellung, in der Weltgeschichte wohlgeratene und mißratene Jahrhunderte zu unterscheiden, so wissen wir doch, daß Helden und Heilige, Verräter und Verbrecher in jeder Weltsekunde mit gleichem Einsatz tätig waren, das Werk Gottes zu erhöhen oder zu erniedrigen, und daß keine Zeit einer anderen an Tugend voraus oder an Verworfenheit nachgeordnet werden kann. Zweifellos ist unsere Gegenwart dafür ein ausgezeichnetes Beispiel; denn obwohl sie, insgesamt als eine Zeit ungeheurer Verbrechen und Schandtaten in die Geschichte eingehen wird, sehen wir sie im einzelnen doch angefüllt mit der verborgenen Größe und dem Heldentum von Menschen, die jedem, so gesehen, edleren Jahrhundert zur Ehre gereicht hätten.

Denn waren sie nicht eigentlich Kinder noch, jene Mädchen, die in den Feuernächten des Untergangs furchtlos in brennende Häuser hineinstürzten, um Kinder, alte Frauen und Männer aus flammenden Dachstuben vor dem schon sicheren Tode zu retten? Stand nicht in jedem der aus aller menschlichen Beziehung gerissenen und ins Elend gestoßenen Flüchtlingszüge eine bis dahin unbekannte Frau auf, deren Herzenskraft, stärker als die Not, alle Verzweifelten immer wieder mit sich vorwärtsriß? Und neben diesen Mädchen und Frauen erinnern wir uns der ernsten Gesichter von Knaben, die mit der Entschlossenheit von Männern ganze Städte vor der Vernichtung zu retten suchten, gedenken wir der Männer, die, der Gefahr wohl bewußt, für ihre Überzeugung und für die Wahrheit einer besseren Welt unerschrocken ihr Leben ließen.

Wenn ich auf dieses unverlierbare Guthaben unserer Zeit an bester menschlicher Bewährung nachdrücklich hinweise, so geschieht das, um im Gegensatz dazu eine Art oberflächlichen „Angeber-“ und Kraftmeiertums, die so leicht als Heldentum gefeiert wird, genauer bezeichnen zu können. Denn es ist meine Meinung, daß die Welt trotz, aller Katastrophen noch immer an allzuviel Forschheit, an allzu vielem Bramabarsieren und an ungehemmter Bereitschaft zum Schädeleinschlagen leidet

Es gibt noch immer allzu, viele Leute von der Art, die eine neue Katastrophe geduldiger Arbeit vorziehen, zu viele, die vor nichts. Angst und darum auch vor nichts Achtung haben, zu viele, die man mit dem immer gleichen jungenhaften Lächeln als Helden irgendeiner „Leistung“ in den illustrierten Zeitungen betrachten kann. Denn Helden werden sie freigebig benannt: Helden der Luft, Helden der See, Helden der Arktis, Helden der Aschenbahn, Helden der Arbeit oder wonach sie sonst Helden heißen mögen – Helden über Helden also in einer heillosen Welt. Sie fliegen schneller als der Schall, sie springen unvorstellbar hoch aus ihren Flugzeugen, ab, sie tauchen im Meer in unermeßliche Tiefen hinunter, sie können monde- und jahrelang im ewigen Eis leben, und sie sind darauf vorbereitet – so versichern sie uns bescheiden –, Vernichtung, Brand und Schrecken furchtlos, gedankenlos und fühllos überall dahin zu tragen, wohin ein Befehl sie schicken mag.

Die Helden unsrer Knabenbücher, die Helden der alten Sagen, die Helden Homers waren von anderer Art. Ob Achill oder Roland, ob Hektor oder Markgraf Rüdiger, ob Odysseus oder Dietrich von Bern, sie alle waren zornmütige, heldenhafte Männer, aber zugleich schlugen die Herzen von Kindern in ihrer mächtigen Brust. Es war auch nicht so sehr ihre Kraft und ihr Mut, die sie uns so nahebrachten, sondern viel mehr ihre menschentümliche Schwäche auch. Ihre Dichter wußten nicht nur von ihren Siegen, sondern auch von ihren Tränen zu berichten und davon, daß sie sich im Schmerz am Boden wälzten, wenn ihr Herz nicht mehr aus noch ein wußte, und daß sie laut klagend Gott anriefen oder die Namen der Götter, wenn das Schicksal über ihnen war oder ein guter Kamerad sterben mußte an ihrer Seite. Sie waren eben Menschen zuerst und Helden nur ganz nebenbei, und das machte sie gerade erst groß und unsterblich.

Unsere Art des öffentlichen Heldentums ist mehr eine hektische Krankheit als sichere Stärke. Wenn sie auch von ihren blutverschmierten Helden im Boxring oder anderswo zu sagen stiegen: „Kerle, die sich das Herz nicht abkaufen lassen!“ – so steht doch wohl gerade im Gegenteil fest, daß alle diese Helden ihr Herz längst schon verkauft haben. Sie sind Maschinen des seelenlosesten Wettbewerbs geworden. Wie jener Mann im Märchen, der ausging, das Geiseln zu lernen, haben sie vor nichts Angst, was da kommen kann, weil ihre Seele ohne Ahnungen und ihr Herz ohne Geheimnis ist.