Von Eugen Schmahl

Dem aufgeblähten Kulturbetrieb der vergangen nen Jahre ist seit der Währungsreform die Luft ausgegangen. Er hatte vom Geldüberhang und der völligen Unabhängigkeit von jeglicher Rohstoffgrundlage gelebt. Es bedurfte zu seiner Unterhaltungflicht einmal besonderer Wertsubstanz und bewahrten Könnens, sondern oft nur spekulativer Findigkeit, um mühelos Theater und Konzertsäle oder auch Bauern Wirtshäuser gegen hohe Eintrittspreise zu füllen und davon zu leben. Nun ist es stiller geworden im Kulturbereich, bescheidener und besinnlicher:

Das Inflationspublikum hat sich noch rascher verlaufen, als es in den vergangenen Jahren zugeströmt war. Es war von der großen Masse der Vergnügungs- und Genußsüchtigen gestellt worden, die von dem vorherrschenden Willen nach Betäubungsmitteln getrieben wurde. Den schaffenden Künstler allerdings hatte die Hypertrophie des Kulturbetriebs keineswegs zum „Nutznießer“ gemacht, sondern ihn nur eben mitschwimmen lassen, wie er seinerseits die ihm wohlgesinnten ernsten Anstalten und Unternehmungen weitergetragen hatte.

Heute „gehen“ nur die Kinos. Der eingetretene Umschwung hat nicht einmal ihre Preise ins Wanken bringen können. Der Film ist eben die Ausdrucksform des Massenbedürfnisses nach Kultur, weil er unmittelbar zu Auge und Ohr spricht und seine Darbietungen den weitesten Rahmen alles dessen umspannen, was die Empfindungs- und Phantasiewelt der Masse anzusprechen vermag. Man läßt sich das Kino ebensowenig wie den Rundfunk nehmen und hält ihnen unter allen Umständen die Treue. Sie sind aus dieser Welt herausgewachsen und engstens mit ihr verbunden. Der Aufwand, den sie dem einzelnen zumuten, hält sich zudem in erträglichen Grenzen. Anders steht es mit den Theatern, die jetzt die Filmkonkurrenz erst recht zu spüren bekommen. Sie werden sich trotzdem wieder fangen, aber in Zukunft nur auf das Publikum rechnen können, das ihre Zuschauerräume aus echter Anteilnahme füllt. Theatergemeinden werden wieder stärker in Erscheinung treten und das Bindeglied zu einem weiteren echten Publikum bilden. Konzertunternehmungen mögen sich ebenfalls bei. Film und Rundfunk über ihre prekäre wirtschaftliche Situation beschweren. Auch hier wird der echte Liebhaber und Kenner als Kristallisationspunkt übrigbleiben.

Schwerer noch scheint uns die bildende Kunst betroffen. Die Malerateliers drohen zu Hortungslagern wider Willen zu werden. Das Geld sucht im allgemeinen wieder andere. Anlagewerte.

Noch niederdrückender ist die Lage des Schriftstellers und seiner Erzeugnisse. Das allgemeine Bedürfnis wird normalerweise durch die Zeitungen befriedigt, Romane werden, aus der Leihbibliothek entliehen, und Zweckwissen wird man aus verhältnismäßig billigen Kompendien beziehen. Bücher werden; schon wegen der Kosten, die ihre Beschaffung verursacht, selbst für diejenigen zum stark eingeschränkten persönlichen Besitz werden, die in der „Welt der Bücher“ zu Hause sind. Dieser Lage Herr zu werden, ist ein technisches und kaufmännisches Problem. Man wird wirtschaftlich und geistig sehr nüchtern und sparsam kalkulieren müssen.

Das zwingt zur Einkehr und Überprüfung. Es zwingt zu ehrlicher Bestandsaufnahme und zu pfleglicher Behandlung des vorhandenen Besitzes, dessen Vermehrung durch wirkliche Leistung die Suche nach echten Talenten auslösen muß. Nicht Fälle,-die uns in jeder Hinsicht vorläufig versagt ist, sondern Hochleistung wird das Urteil über das Wiederaufleben und Weiterleben deutscher Kultur, gemessen an der Welt, bestimmen. Welche Bedeutung der Kritik dabei zukommt, läßt sich daraus ohne weiteres ermessen. Sie wird vor allem auf Dauereigenschaften sehen und noch eindringlicher als bisher in das Volk – als lebendige Kulturgemeinschaft, die nach bleibendem Ausdruck ringt – hineinhorchen müssen, um herauszuspüren, in welchen Regionen sich, der allgemeine Kulturwille bewegt.