Es fängt gut an und pünktlich! Wir waren wohl darauf vorbereitet, daß im Goethe – Gedenkjahr der auch sonst schon immer viel bemühte Geist des großen Jubilars im deutschen Volke noch ruheloser umgehen, würde, und glaubten, nicht zu erschrecken, wenn das erlauchte Gespenst vielleicht doch einmal allzu überraschend vor uns auftauchen würde. Wir waren gewillt, es feierlich zu empfangen, und ihm, damit es uns nichts zuleide täte, schnell unsere Sünden abzubitten. Hatten wir uns doch angewöhnt, ihn Tag und Nacht, wahllos und unverantwortlich zu zitieren – und es war noch unser Glück gewesen, daß dies meist mit falschen Formeln geschah, so daß der berufene sich gar nicht getroffen fühlte und, nur leise fernab donnernd, sich noch tiefer in seine olympische Behausung zurückzog, anstatt sich dem leichtfertigen Zitator zu zeigen und ihn mit einem seiner berühmten Blicke zu vernichten.

Nun aber erschien er, kaum, daß sein Jahr noch eben angebrochen war, von einem seiner feierlichsten Beschwörungssprüche angezogen und gebannt, im Werbebüro einer GmbH, in Hamburg und Düsseldorf (Geister können bekanntlich zu gleicher Zeit an zwei und mehr Orten weilen). Er fragte die Erdenwürmer, was sie von ihm wollten. Sie antworteten; „Mit dir ein Geschäft machen, das deiner Größe würdig ist.“ Das Gespenst donnerte diesmal gewaltig und brüllte den waghalsigen Sprecher an: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst – nicht mir!“ Und verschwand. Da aber keiner der Anwesenden den Ehrgeiz gehabt hatte, dem Olympier gleichen zu wollen, und die Sache so glimpflich abgegangen war, so tat ihnen die kleine Formlosigkeit des weltfremden Idealisten nicht weiter weh. Sie neben sidi die Hände und druckten eine nobel ausgestattete Karte, auf der zu lesen-stand:

„Zum Goethe-Gedenkjahr 1949!

Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen,

das Ew’ge regt sich fort in allen,

am Sein erhalte dich beglückt!

Johann Wolfgang von Goethe