Kann ein seiner Lage nach stark gefährdeter Staat wie Schweden es sich leisten, seine Politik so einzurichten, als wenn es möglich wäre, in einem zukünftigen Ost-Westkonflikt neutral zu bleiben? Das ist die Frage, die in der ganzen. Welt lebhaft erörtertwird, nachdem die Ministerpräsidenten und Außenminister von Norwegen, Schweden, und Dänemark überraschend zu einer zweitägigen Konferenz in Karlstad zusammengetreten waren. Es ist kein Geheimnis mehr, daß es bei diesem-Treffen darum ging, zu entscheiden, was aus dem skandinavischen Verteidigungsbündnis werden soll, wenn Norwegen und Dänemark von den USA eine Einladung erhalten, dem Atlantikpakt beizutreten. Damit wurden die gesamten Paktverhandlungen der Westmächte erneut in das helle Blickfeld der politischen Betrachtung gerückt.

Bisher gibt es im Westen nur zwei große Bündnissysteme. Da ist einmal der interamerikanische Pakt von Rio. Er verpflichtet seine Mitglieder – zwanzig von einundwanzig amerikanischen Staaten –, jeden Angriff auf einen, der Teilnehmer als einen Angriff auf alle anzusehen und entsprechend zu handeln. Der andere ist die entsprechend der Pakt von Brüssel zwischen Großbritannien, Frankreich und den zwischen Staaten. Er ist ein Verteidigungsbündnis und zugleich eine wirtschaftliche Übereinkunft, doch überwiegt der militärische Zweck bei weitem, und so ist denn auch bereits ein gemeinsamer Generalstab gebildet worden, der unter der Leitung von Feldmarschall Montgomery steht und seinen Sitz in Fontainebleau hat. Seine Aufgabe ist es, die Verteidigungsmaßnahmen zu koordinieren und einen gemeinsamen Plan für die Aufrüstung aller beteiligten Staaten zu entwerfen, Diese beiden Pakte, der von Rio und der von Brüssel, sollen durch einen dritten ergänzt und in gewissem Sinne zusammengefaßt werden, durch den Atlantik-Pakt, der zwischen den USA, Kanada und den Staaten der West-Union verhandelt worden ist, dem beizutreten aber später allen Staaten freistehen soll, die dazu die verfassungsmäßigen Voraussetzungen haben. Nach dem Lend-lease-System werden die europäischen Teilnehmerstaaten von den USA Kriegsmaterial erhalten und so in die Lage kommen, sehr viel schneller aufzurüsten, als es ihnen möglich wäre, wenn sie dies nur aus eigener Kraft tun müßten. Als Ergänzung und Gegenstück zum Atlantik-Pakt wird noch von einem Pazifik-Pakt gesprochen dem außer amerikanischen Staaten „auch Neuseeland und Australien angehören sollen, und eine weitere Ergänzung bildet in gewissen Sirine das Britische Commonwealth.

Diese Verteidigungsbündnisse sind sämtlich gegen Sowjetrußland gerichtet, dessen aggressive Politik in der ganzen Welt diesseits des Eisernen Vorhangs gefürchtet wird. Die USA müßten darauf bedacht sein, so hat kürzlich der ehemalige amerikanische Botschafter in Moskau, William C. Bullitt zur Politik seines Landes erklärt, jede ihnen feindliche Macht an der Beherrschung der atlantischen Küsten Europas und Afrikas und der Wasserwege zum Atlantikzu verhindern. Daher das Hilfsprogramm für Griechenland und die Türkei, daher das Interesse an Spanien und Portugal und daher auch die offenbar bevorstehende Einladung an Dänemark, Norwegen und Island, am Atlantik-Pakt teilzunehmen.

Seit einiger Zeit sind jedoch zwischen den skandinavischen Staaten gleichfalls Verhandlungen über ein militärische Bündnis im Gange gewesen. Die Verteidigungsminister von Schweden, Norwegen und Dänemark waren im Oktober vorigen Jahres übereingekommen, einen gemeinsamen – Verteidigungsrat zu bilden, der gerade jetzt die Arbeit abgeschlossen und seine Vorschläge unterbreitet hat. Durch die Anfrage der Westmächte, ob Dänemark und Norwegen eine Aufforderung, dem Atlantik-Pakt beizutreten, günstig aufnehmen würden, ist nun ein Zwiespalt zwischen den Auffassungen der nordischen Staaten, insbesondere-zwischen Norwegen und Schweden entstanden.

Die Norweger, gewitzt durch die Erfahrungen des vorigen Krieges, in dem die Flotten Großbritanniens und Deutschlands sich um die Wette bemühten, die norwegischen Häfen zu besetzen. halten, es für selbstverständlich, daß in einem kommenden Kriege die Sowjets sofort die Grenzen überschreiten und versuchen würden, die norwegische Atlantik-Küste in die Hand zu bekommen. Sie wünschen daher, dem Atlantik-Pakt beizutreten, und den USA heute bereits die Stützpunkte zur Verfügung aufstellen, deren sie zur Verteidigung Norwegens. bedürfen.

Die Schweden hingegen wollen ihn gewohnte Neutralität unter allen Umständen bewahren und infolgedessen keine feste Bindung mit dem Westen eingehen. Dies nämlich, so fürchten sie, würden die Russen als eine Bedrohung auffassen und sie könnten dann verlangen, daß die entsprechenden Klauseln des sowjetisch-finnischen Vertrages in Kraft treten müßten. Das würde bedeuten, daß sowjetisch-finnische Generalstabsbesprechungen stattzufinden hätten und vermutlich auch, daß innerhalb der finnischen Grenzen Stützpunkte mit sowjetischem Militär besetzt werden würden. Damit aber wäre es mit der Unabhängigkeit Finnlands ein für allemal vorbei. Es zeigt sich hier, wie außerordentlich geschickt der Kreml in der finnischen Frage operiert hat. Nach dem Umsturz der Tschechoslowakei hat man sich allgemein gefragt, wieviele Wochen es wohl noch dauern werde, bis auch Finnland unter das strenge Regiment kommen würde, dem alle Staaten hinter dem Eisernen Vorhang unterworfen sind. Man war in der Folge erstaunt, zu sehen, mit welcher Mäßigung Stalin die selbständige und keineswegs kommunistenfreundliche Politik des finnischen Präsidenten Paasikivi aufnahm und duldete. Die schwedische Neutralität war für ihn eine Messe wert.