Von Johann Peter Breul

Der Begriff ‚brasilidade‘ ist ebenso unübersetzbar wie unser deutsches Wort Gemüt, obwohl er irgendwie dasselbe bedeutet. Dem Brasilianer ist er Ausdruck alles Schönen und Starten, das untrennbar zu seinem Lande gehört: der tausend Buchten und ragenden Gebirge, die Rio umschließen und zur „Cidade maravilhosa“, zur Perle aller Städte machen; des ewigen Geheimnisses grüner Urwaldhölle; der millionenfachen Kraft den Wasserfälle und Ströme; des unerschöpflichen Reichtums des Bodens; des Rhythmus’ modernster Technik, der durch die Zweimillionenstadt São Paulo braust und nicht minder der wilden Schwermut seiner Musik, seiner Sambas und Machiches, nicht minder auch der einsamen Abende in rauchdurchbeizter Lehmhütte, in der unermeßlichen Weite einer Landschaft, die dem Menschen zeigt, daß er nur Staubkorn ist...

Einer der bekanntesten brasilianischen Publizisten unserer Tage, der Schriftsteller Mario Pinto Serva, ständiger Mitarbeiter zweier großer südamerikanischer Zeitungssyndikate, hat sich die dankenswerte Aufgabe gestellt, in seinem Lebenskreis für eine gerechte Beurteilung des besiegten Deutschlands einzutreten. In einem weitverbreiteten Artikel „Der Fall Deutschland“ schreibt er: „Es fehlt ein Wellington – jener Wellington, der das große Wort sprach: ‚Sobald die Fehdseligkeiten vorüber sind, muß auch die gegenseitige Feindschaft aufhören.‘ Die einzig vernünftige Maßnahme gegenüber Deutschland wäre, die jüngste Vergangenheit auszuwischen und alle Völker ein Neues beginnen zu lassen, ein Leben frei von Haß, frei von gegenseitigen Schmähungen und Beschuldigungen, damit nicht unter der Asche die Feindschaft weiterglimmen kann. Wir brauchen, was einst Kant empfahl, jenen unermeßlich guten Willen aller Menschen gegenüber allen Menschen, aller Nationen gegenüber, allen Nationen ... Es gibt ein Buch des brasilianischen Schriftstellers João do Rio, das heute vollständig vergessen ist. João do Rio war beobachtender Teilnehmer der Konferenz von Versailles. Neben der genauen Darstellung der damaligen Ereignisse gibt sein Buch ‚Vom Waffenstillstand zum kriegerischen Frieden‘ eine umfassende Voraussage all der riesigen Fehler, deren Keim in dem damals erzwungenen Vertrage lag. Nehmen wir dieses Buch heute vor, so verstehen wir alles, was sich in den letzten dreißig Jahren in Europa ereignet hat... Die Vereinigten Staaten, England und Frankreich müßten sich zusammenfinden und mit der Lehre aus dieser Erfahrung einen neuen Gesichtspunkt verkünden: die Wiederherstellung der deutschen Souveränität, des deutschen Staatsgebietes, damit in Europa ein neues Leben beginnen kann.“

Wir wissen nicht, ob Mario Pinto Serva Kontakt mit dem „Weltbürger Nr. 1“ hat. Jedenfalls entsprechen seine Formulierungen vollkommen den Ideen, die einer zukunftsfähigen Weltbürgerbewegung zugrunde liegen müßten. „Die umfassende juristische Organisation der Welt ist notwendig. Ohne ein Gesetzbuch des internationalen Rechts, ohne ein wirkliches Tribunal der Weltjustiz folgen alle Völker ausschließlich ihrem eigenen Interesse, ihrer eigenen Kritik, ihrem eigenen Vorteil, ist die Welt nichts anderes als ein ungeheurer Turm von Babel, in dem niemand in Frieden leben und arbeiten kann – sie lebt in beständiger Furcht vor dem Ausbruch des letzten totalen Krieges.“

Die Deutschen in Brasilien kämpfen einen schweren Kampf. Da ihre Wahlheimat während des Krieges auf allierter Seite stand, waren sie die ersten, die von entsprechenden Maßnahmen der brasilianischen Bundesregierung betroffen wurden. Zu diesen Maßnahmen gehörte die vorläufige, Beschlagnahme allen „Achseneigentums“. Die Italiener, die ohnehin besser ins brasilianische Milieu passen, haben es inzwischen mit südländischer Elastizität in der großen Mehrzahl erreicht, daß sie sich des wiedergewonnenen Besitzes wieder freuen – nach Zahlung einer einmaligen Abgabe. Nicht so die Deutschen. Noch ist man sich nicht über die Höhe der Abgabe im klaren, die sie leisten sollen. Die Vorschläge bewegen sich zwischen 15 und 30 v. H. Rufer im Streit für deutsche Angelegenheiten sind die „Deutschen Nachrichten“ in São Paulo. Liest man einen ihrer zahlreichen Aufrufe zur Freigabe deutschen Eigentums, so erlebt man Europa en miniature: „Namhafte Politiker, Wirtschaftler und viele Tageszeitungen haben seit längerer Zeit immer wieder hervorgehoben, daß die Freigabe der (deutschen) Vermögen nicht nur eine der akutesten Fragen für die Betroffenen selbst ist, sondern darüber hinaus auch ein schwerwiegend der Faktor für die Ankurbelung der Wirtschaft im allgemeinen. Zehntausende von werktätigen Menschen, die seit langen Jahren in Brasilien ihre zweite Heimat gefunden haben und ihre besten Kräfte zum Fortschritt des Landes einsetzten, gehen heute gehemmt und in ihrer Initiative gelähmt irgendeiner Behelfsbeschäftigung nach. Sie warten, warten nur auf eins: die Freigabe der ‚bens‘. Sobald sie dadurch ihre Zivilrechte wiedererlangt haften, die übrigens durch die Verfassung von 1946 ausdrücklich garantiert werden, würden zum Wohl des ganzen Landes zahlreiche Unternehmungen beträchtlich erweitert und ungezählte neue ins Leben gerufen werden. Große, ins Gewicht fallende Kapitalien würden wieder flüssig und in den Wirtschaftsprozeß eingeschaltet...“

Die Bundesregierung scheint sich diesen Erkenntnissen nicht zu verschließen. Schon Mitte des vergangenen Jahres veröffentlichte Außenminister Raul Fernandes eine Denkschrift, die mit erschöpfenden Argumenten die sofortige Freigabe des deutschen Besitzes empfahl. Eine eigens für dieses Sachgebiet geschaffene Justizkommission des Bundesparlaments verwarf allerdings den Vorschlag des Kabinetts und machte einen neuen. Auch in Brasilien läuft die parlamentarische Maschinerie auf hohen Touren. Bis heute ist es noch zu keiner Entscheidung gekommen, obwohl mittlerweile auch die gesamte brasilianische Wirtschaft nach einer Lösung ruft. Nach neuesten Informationen besteht Aussicht, daß die wichtige Frage mit Beginn der neuen Sitzungsperiode des Parlaments, also innerhalb der nächsten Wochen geklärt werden, wird.

Zu den Aufgaben der neuen Sitzungsperiode gehört auch ein anderes wichtiges Thema: die Bereitstellung neuer Kredite für die europäische Einwanderung. Millionenbeträge standen für den gleichen Zweck schon im vergangenen Jahr zur Verfügung. In der tropischen Sonne sind sie ohne großen Nutzeffekt dahingeschmolzen – eine Erscheinung, die man in jenen Breiten häufiger antreffen kann. Dafür hat die Repatriierung von Ausländern, die brasilianisch verheiratet sind oder brasilianische Kinder haben (wie in ganz Südamerika gilt das ins soll), mithin also selbst längere Zeit im Lande ansässig waren, größere Fortschritte gemacht. Im Rahmen dieser Repatriierungsaktion sind auch mehrere tausend Deutsche in ihre brasilianische Wahlheimat zurückgekehrt, die immerhin den Neueinwanderern gegenüber den Vorteil haben, daß sie Land und Leute, Sprache und Verhältnisse kennen. Ob sie sich wieder hineinfinden in die veränderte Umwelt, ist allerdings eine andere Frage.