Von Jan Molitor

Wir Deutsche haben so lange kein Parlament mehr gehabt, und wahr ist, daß sich die neuen Parlamentarier in Bonn an diesem Wort ein wenig berauschen. Da haben sie nicht nur den Parlamentarischen Rat selbst, dessen Vorhandensein schon weithin durch Schilder an der Autobahn angekündigt wird; da weisen andere Tafeln zur parlamentarischen Tankstelle, und im Parlamentsgebäude gibt es das Parlaments-Restaurant: es gibt eine Parlaments-Poststelle und im Erdgeschoß einen Friseur: das wäre denn also der parlamentarische Figaro, von Amts wegen bestellt, den Abgeordneten die Köpfe zu waschen.

Der Anblick des Hauses der Pädagogischen Akademie, des Schauplatzes der Beratungen, ist inzwischen durch viele Abbildungen weltbekannt geworden –: ein grauweißer, weitläufiger Bau von modernen kubischen Formen, mit einer Flucht von Räumen, die eigentlich Vorlesungs- und Lehrsäle sind und an den Türen jetzt Inschriften wie „Fraktionszimmer“ und „Verbindungsstelle“ tragen. In der Aula, eine Treppe hoch, tagt der Hauptausschuß des Parlamentarischen Rates. Dort gibt es wieder „Rechts“ und „Links“, aber die äußerste Linke, vertreten durch den Kommunisten Renner, sitzt an einem quergestellten Tisch in der Mitte des Saales. Wenn wir uns an den einstigen Reichstag erinnern, stellen wir ferner fest, daß die äußerste Rechte fehlt: sie hat einmal nicht nur den deutschen Parlamentarismus, sondern schließlich das ganze Deutsche Reich beseitigt. Und das Fehlen der äußersten Rechten ist das positivste Zeichen dafür, daß dieses neue Parlament sein Gutes leisten könnte: eine wahrhaft demokratische Verfassung des westdeutschen Bundesstaates zu schaffen.

Es ist die Sachlichkeit des Gebäudes, die der parlamentarischen Atmosphäre etwas Kühles verleiht. Die Flure sind eng, sie eignen sich nicht dazu, politische oder philosophische Wandelgänge zu werden, und im Parlaments-Restaurant, wo es nur einfach gehaltene Tische und Stühle gibt, vermißt man etwas von jenem Plüsch, der es früher im Berliner Reichstag zuwege brachte, daß Freund und Feind sich gelegentlich zu weichgepolsterten Plauderstunden verführen ließen.

Ob die Abgeordneten, die noch aus der Zeit des alten Reichstages stammen, manchmal die Erinnerung überkommt und die Lust, zu vergleichen? Zwei Stock hoch, im Fraktionszimmer der SPD, sitzt Paul Löbe, der zwölf Jahre hindurch Reichstagspräsident war. Er ist auch heute noch ein Mann von weiser, grundgütiger Haltung. Und er erinnert sich sehr wohl. Ist er doch gerade damit beschäftigt, in den Mußestunden seine Lebenserinnerungen zu diktieren. „Ich habe in Bonn eine gute Atmosphäre angetroffen“, sagte er. „Die äußere Form der Beratungen ist nobel und freundschaftlich. Das erinnert an die ersten Jahre meiner Reichstagspräsidentenschaft. Auch damals wurden die Kämpfe ritterlich geführt. Auch damals war es möglich, daß Parteigegner sich bei persönlichen Begegnungen ins Auge sehen und einander die Hand reichen konnten. Einmal waren sogar Göring, Frick und Epp in meinem Haus, wobei sie sich nicht schlechter benahmen als andere parlamentarische Gäste auch. Später, etwa nach 1930, waren solche Zusammentreffen nicht mehr möglich. Da hatten die Nationalsozialisten und Kommunisten bereits alles getan, die erfreuliche Atmosphäre zu trüben. In dieser Zeit habe ich mit nur wenig Freude den Präsidentenstuhl bezogen.“

Nur wenige aus dem Kreis der alten Parlamentarier sind übriggeblieben. Löbe nennt Helene Weber, Adenauer, Heuss, Schönfelder und Bergsträsser. Und hier wäre dann Gelegenheit, der Fama entgegenzutreten, nach der die Parlamentarier von Bonn durchweg uralte, bärtige Männer seien. Unter den 65 westdeutschen und den fünf Westberliner Abgeordneten des Parlamentarischen Rates haben Professor Dr. Laforet, Dr. de Chapeaurouge, Schönfelder, Löbe und Dr. Adenauer die 70 überschritten. Und einen Bart trägt nur der Abgeordnete Kaufmann, einen würdevollen Mannesschmuck, der breit niederwallt und an die Frankfurter Parlamentarier des Jahres 1848 denken läßt; doch das Antlitz, das von dieser Zierde umrahmt wird, ist das nicht eines alten Mannes. Überhaupt scheint es zuweilen, wenn die Debatte einmal Wellen schlägt, daß gerade die Alten die – Jungen, sind: temperamentvoll, schlagfertig, witzig. In solchen Augenblicken erregt sich das „hohe Haus“, erregen sich sogar die Gäste der Tribüne, die freiwilligen Sendboten der Öffentlichkeit; sie wagen vielleicht sogar ein paar Zurufe und werden dann zwar belehrt, sie hätten zu schweigen, aber ihr Interesse am Gang der Verhandlungen wird dennoch nicht ungern verzeichnet.

Daß freilich dieses Interesse der großen Öffentlichkeit am Parlamentarischen Rat allzu stark sei, wird man nicht zu behaupten wagen. Der Bonner Chauffeur meinte: „Quasselbude“ und wußte dabei nichts von der nationalsozialistischen Herkunft dieses Schimpfwortes. Und Wartende an der Haltestelle der Rheinuferbahn unterhielten sich frühmorgens auch nicht gerade respektvoll über die Männer des Rates, die dem zukünftigen westdeutschen Staat die Verfassung geben sollen. „Man hört ja, daß sie wie die Götter in ihrem Restaurant leben ...“ – „Und alles ohne Marken .. .“, fügt ein anderer hinzu. „Und spottbillig .. äußert ein dritter. Und „Die Leute sind fein heraus mit den Diäten ...“, vermerkt ein vierter. Mittags stand „Gänsebraten“ auf der Speisekarte des Restaurants. Er kostete 7,50 DM. Das ist wohl kaum spottbillig zu nennen, und die Gerechtigkeit verlangt zu sagen, daß er vielen Abgeordneten zu teuer war. Renner zumal, der Kommunist, entschied sich für Jagdwurst zum Preise von 2,50 DM und gab die Auskunft, daß es mit dem parlamentarischen „Götterleben“ so eine Sache sei. Von den 30 DM, die täglich die Diäten ausmachen, muß er 15 DM in die Kasse seiner Partei zahlen. Er, der 1945 aus dem Zuchthaus von Ludwigsburg unweit Stuttgarts in Sträflingskleidern nordwärts pilgerte, um in Essen Oberbürgermeister und danach im Staat Nordrhein-Westfalen Minister zu werden, bezieht heute, wo er nichts als Parteifunktionär ist, ein Monatsgehalt von 300 DM, und gerade über Renner, den „schwelgenden Vertreter der Arbeiterklasse“ war frühmorgens an der Station der Straßenbahn manches geäußert worden, was nicht nur dem Konto des Mißtrauens gegen seine Partei zur Last gelegt werden kann.