Von Cun. Can Jeh

Nirgends in der Welt spielte der Intellektuelle eine wichtigere Rolle als in der Geschichte Chinas. Allein um eine genügende Menge der Schriftzeichen zu erlernen, um lesen und schreiben zu können, benötigt man mindestens zwölf Jahre. Der Intellektuelle wurde schon aus diesem besonderen Grunde nicht nur Mitglied einer privilegierten Klasse, sondern auch eine nützliche und unentbehrliche Person im Staatswesen. Er beherrscht die Kunst des Lesens, und dieses genügt schon, daß man ihn einen „Weisen“ nennt. Das alte Sprichwort: „Ein Weiser braucht sein Land nicht zu verlassen um zu erfahren, was in der Welt vor sich geht“, hat nach wie vor seine Gültigkeit. Der Intellektuelle muß das Volk führen und ihm das Leben erleichtern. Er ist Mitglied der Regierung und kann alles erreichen, mit Ausnahme der höchsten Funktionen.

Fast immer waren die Gründer der chinesischen Dynastie bäuerliche Führer hungernder und rebellierender Landarbeiter oder Häupter halbzivilisierter Volksstämme, wie Mongolen oder Mandschuren. Sobald ein neuer Kaiser seine Macht gefestigt hatte, lud er immer und immer wieder die Intelligenz zu seinem Hofe, damit sie ihm bei der Verwaltung des Landes helfen möge. Bedingung war, daß die erlesenen Gäste bereit waren, dem neuen Machthaber die Treue zu schwören. Hiernach lief die Staatsmaschine wieder wie zuvor, dank der Achtung, die die Gebildeten beim Volke genossen. So konnte es geschehen, daß eine Zeit, des Friedens und der Ordnung folgte, und nicht selten ein goldenes Jahrhundert der Schönen Künste.

Der chinesische Intellektuelle ist nicht in erster Linie Künstler oder Philosoph. Gedichte schreiben oder Bilder malen, das ist ein Zeitvertreib im Alter oder im Exil; denn Verbannung traf jeden, der zuviel Eigenmächtigkeit oder Charakter zeigte. Um als „Gelehrter“ Erfolg zu haben, waren zwei Dinge erforderlich; erstens Tugend, gleichbedeutend mit Treue zum Kaiser, und zweitens Selbstdisziplin im gesellschaftlichen Leben. Gemäß der Lehre des Konfuzius sind diese Eigenschaften Voraussetzung, um eine höhere Bildung zu erreichen. Als der letzte Kaiser der Chan-Dynastie von dem Anführer einer unzufriedenen Volksmenge ermordet worden war, zog sich sein erster Minister ins Gebirge zurück. Dort ernährte er sich ausschließlich von Gras. Er weigerte sich, Reis zu sich zu nehmen, da dieser von dem ungetreuen Volk angebaut worden war. Als man ihn späterhin darauf aufmerksam machte, daß auch das Gras dem neuen Kaiser gehöre, erwählte er den Hungertod für sich. Obgleich Konfuzius den ausgestoßenen Tyrannen verabscheute, lobte er doch vor seinen Schülern die Handlungsweise jenes Ministers.

Es ist selbstverständlich, daß nicht alle Intellektuellen die Kraft besaßen, sich ob des Kommens der neuen Regierung das Leben zu nehmen, oder sonstwie imstande wären, dem alten Kaiser treu zu bleiben. Für jene gab es eine Philosophie, die Lehre des Lao-tse, den Taoismus, der sie aus allen Schwierigkeiten herausrettete. Er ist allerdings eine Abart des Nihilismus, allein er wirkt im Leben mehr positiv als negativ. Er fordert auf zur Fröhlichkeit, zur Zerstreuung und zur Nichtachtung aller ernsten Dinge, besonders der Politik.

Fast jeder gebildete Chinese ist in seinem Herzen ein Taoist. Er lernt diese Philosophie kennen, sobald er beginnt, die eigene Literatur Zu lesen. Wenn das Leben ihn Ärger oder Sorgen bereitet – nicht nur als Beamter, sondern auch im privaten Leben –, dann sucht er instinktiv Zuflucht im Taoismus. Obgleich es seltsam erscheint, ist es doch eine Tatsache, daß er nur dann, wenn er Taoist geworden ist, beginnt, eigene Literatur zu schaffen. Die chinesische Kunst ist eng mit der taoistischen Lebensführung verbinden; sie stellt den Intellektuellen über den pedantischen Konfuziismus und macht aus ihm erst einen wahren Menschen.

Aus diesem Grunde kann man das Leben des gebildeten Chinesen in zwei Perioden teilen. In seiner Jugendzeit ist er voller Lebenskraft, aber auch phantasiearm; doch mit den ersten grauen Haaren kommt auch die Romantik. In früheren Zeiten, selbst wenn die Laufbahn nichts zu wünschen übrig ließ, und er als geachteter Gast am Hofe weilte, erlag er der Versuchung des Taoismus im Alter von mehr als vierzig Jahren. Sein Benehmen dem Volke gegenüber, vorher hart und unnahbar, wurde nun väterlich und mild. Seine jugendliche Unbeugsamkeit hielt das Leben des Volkes in gesellschaftlichen Zügeln; aber nun, mittels seines Humanismus, verhütete er, daß die Menschen zu Automaten wurden. Gerade darin bestand der Wert der Intelligenz, daß sie den Status quo erhielt-