Es gab viele Dinge, auf die der MandarinTschau Fu stolz war. Er bekleidete ein hohes Staatsamt. Seine zehn Söhne waren tugendhaft und hochbegabt. Sein Haus war das prächtigste in der ganzen Stadt und sein Reichtum mehrte sich von Tag zu Tag. Am stolzesten aber war Tschau Fu auf seinen Zopf. Gerade der aber war nach Ansicht der Leute das Unansehnlichste an ihm. Der Zopf war nämlich sehr (Sinn. Genau gesagt, er bestand aus ganzen drei Haaren. Die waren allerdings sehr lang, tiefschwarz und wunderbar gepflegt. Jeden Morgen kam Lü Bu, der beste Friseur am Ort, ins Haus, um die drei Haare des Mandarins zu waschen, zu salben und in einen zierlichen Zopf zu flechten, der dem großen Manne bis weit über die Rückenmitte reichte.

So ging das lange Zeit, viele Jahre hindurch. Aber eines Morgens passierte ein Unglück. Lü Bu war, wie allmorgendlich, dabei, die Haare Tschau Fus mit einem Kamm aus rosa schimmernder Jade zu strählen, als unversehens eines von den dreien in dem Kamm hängenblieb. Lü Bu schrie auf und wich zurück, denn er fürchtete den Zorn seines Herrn. Tschau Fu geriet auch in gewaltige Erregung. Mit geballten Fäusten ging er auf Lü Bu los, der in Erwartung der unvermeidlichen Schläge vor ihm in die Knie sank Da fiel dem Mandarin das Wort des Weisen Liä Dse ein:

„Wenn Güte von uns ausgeht, dann werden wir auch Güte erfahren. Wenn Schlechtigkeit von uns ausgeht, dann werden wir auch Schlechtigkeit erfahren.“

Tschad Fu wandte sich ab, ließ sich auf dem Sessel nieder, von dem er aufgesprungen war und sagte seufzend zu Lü Bu: „Für diesmal will ich dir noch verzeihen. Doch hüte dich, daß sich so etwas nicht noch mal ereignet. Ich könnte mich vergessen.“

Lü Bu atmete erleichtert auf und machte sich wieder an die Arbeit. Er salbte die beiden übriggebliebenen Haare mit duftendem Öl und drehte sie dann vorsichtig zu einem zopfähnlichen Schwänzchen zusammen. Lü Bu machte das sehr geschickt. Der Verlust war kaum zu merken, abgesehen davon, daß der Zopf viel kürzer wurde als bisher.

Auf diese Weise frisierte Lü Bu seinen Herrn ein halbes Jahr hindurch und noch länger. Dann, aber geschah es eines Morgens beim Kämmen, daß wieder ein Haar, das vorletzte, ausging. Lü Bis wurde von Entsetzen gepackt. Er ließ den Kimm fallen, lief davon und kauerte sich in die äußerste Ecke des Raumes, der schlimmsten Strafe gewärtig. Tschau Fu, außer sich vor Zorn, stürzte ihm nach, riß sein kurzes Schwert aus der Scheide und schwang es über dem Haupt des Unglücklichen. Doch im letzten Moment besann er sich auf die Worte des Weisen Li Gi:

„Ein einziger Augenblick des Zorns kann für das ganze Leben von Unheil sein?“

Mit ungeheurer Selbstüberwindung ließ Tschau Fu sein Schwert sinken und steckte wieder in die Scheide. „Verlaß augenblicklich mein Haus und laß dich nie wieder blicken!“ rief er dem angstschlotternden Friseur zu, der noch nicht zu glauben wagte, daß er dem Tode entronnen war. „Wein Haar aber“, fuhr der große Mandarin nach einer Pause fort und strich das einzige, das ihm geblieben war, mit einer weitausholenden Bewegung seiner schmalen, weißen, mit kostbaren Ringen geschmückten Hand aus der Stirn, über der nackten Schädel nach hinten, „mein Haar aber werde ich von nun an – offen tragen!“