Die deutsche Demokratie hat Untergewicht, Und das liegt nicht am strengen Regiment der alliierten Gouvernante. Es liegt an ihrer eigenen Blutarmut. Die Parteien streiten und debattieren in einem ständig größer werdenden Vakuum; das politische Leben ist erstarrt. Darum vor allem wurde in diesen Tagen in Braunschweig die Deutsche Union gegründet. Sie ist keine Partei, so steht es in ihren Satzungen, sondern eine Sammlungsbewegung.

Die Deutsche Union birgt Stärke und Schwäche in sich. Ihre führenden Initiatoren, August Hausleiter, stellvertretender Vorsitzender der bayrischen CSU, Otto Heß, sozialistischer Vorsitzender der Studentenschaft der Freien Universität Berlin, und Baron v. Stauffenberg, ein Vetter des Obersten, der den Anschlag auf Hitler verübte, tragen alle drei wohltuend saubere Namen, Ihr Ziel, die „vergessene“ Kriegsgeneration aus ihrer Reserve zu locken und mit allen Mitteln gegen die Intoleranz und ideologischen Bindungen der Parteien aufzutreten, entspricht einer weitverbreiteten Stimmung. Und ihre Forderung, die Entscheidung über Verhältnis- oder Mehrheitswahlrecht, Präsidial- oder parlamentarische Regierung, Bundesrat oder Zweite Kammer und Finanzhoheit der Länder oder des Bundes nicht in der „Treibhausluft des Parlamentarischen Rates“, sondern durch eine Volksabstimmung zu treffen, ist mehr als ein ausgezeichneter Vorschlag. Sie ist ein vielversprechender Anfang. Auf der anderen Seite liegt das Problematische der Organisation nicht weniger klar. Die Deutsche Union hat sich als Sammlungsbewegung der Kriegsgeneration selbst eine Lebensfrist gesetzt, sie ist, wie alle ähnlichen Gebilde, gefährlichen Tendenzen ausgesetzt, und dabei steht sie noch, obgleich als Massenorganisation gedacht, von vornherein außerhalb jeder demokratischen Kontrolle.

Also auch bei der Taufe der Deutschen Union stehen Für und Wider Pate. Nun es an ihr, sich für das eine oder andere zu entscheiden.

C. J.