Von Wilhelm Klefisch

Ngüan Ngüan erhob sich voll schlimmer Ahnungen und trat in die Teestube. Denn er hatte einen berstenden Krach vernommen. Da stand nun sein Diener Hut mit schräg geneigtem Kopf, die frevelhaften Hände in den weiten Ärmeln verborgen, und betrachtete die Scherben der Vase.

Ich will nicht behaupten, daß Ngüan Ngüan sich in diesem Augenblick mit einer Monographie der Vase beschäftigt – hätte. Ngüan Ngüan größte. Damit aber der Leser das folgende Gespräch in seiner ganzen Waghalsigkeit zu würdigen vermag, muß ich kurz auf die Herkunft der Vase eingehen. Ngüan Ngüan hatte die Vase als Gastgeschenk seines Geschäftsfreundes Schimin erhalten, der später im Fluß Hsiang-kiang so traurig ums Leben gekommen war. Schi-min aber hatte die Vase von seinem Oheim ererbt, und diesem hatte sie ein Hia-Kuei, ein ganz und gar unbedeutender Mensch, verkauft, der mit jenem Jü-Jüeh verwandt war, der die Beziehungen nach oben hatte. Ihm soll die Vase Fu Hiau-dschu geschenkt haben, der in gerader Linie von Fu-heng abstammte, dem berühmten General des Kaisers K’ien-lung, dessen Wappen den Fuß der Vase zierte. Sie zeigte auf zart rosa Grund weiße Kreisausschnitte, in denen zwischen spitzigem Blätterwerk krause Rosenblüten schimmerten, die das Rosa des – Grundes um ein weniges überwogen. Ngüan Ngüan war auf seine Vase fast so stolz wie auf seine berühmte Bibliothek. Er zeigte sie jedem Gast. Nun wird der Leser verstehen, welch ein Pilz von Groll in der Seele Ngüan Ngüans aufgeschossen war, als er die Scherben seiner Vase gewahrte.

„Hui!“ begann er mit jener Vibration des Angreifers, der keines Widerstandes gewärtig ist, „erkläre, was hier geschah!“

„Herr“, tönte es dumpf zurück wie aus einer Befestigung, deren Stärke ein unglaublich tiefes Rückzugsgebiet ist, „Herr, ich war damit beschäftigt, den Staub zu entfernen. Da fiel es meinem Rockärmel ein, die Vase an ihrer Mündung zu ergreifen und zu Boden zu schleudern.“

„Und wer hat deinen Rockärmel zu dieser Untat veranlaßt?“ fragte Ngüan.

„Was weiß ich?“ anwortete Hui nachdenklich. „Mag sein, daß der Schneider, der diesen Rock verfertigte, dem Ärmel einen zerstörerischen Schnitt verlieh.“ „Ich halte dafür“, erwiderte Ngüan, „daß nicht der Schneider, der den Rockärmel zuschnitt, sondern dein Arm, der dem Ärmel die zerstörerische Bewegung mitteilte, für die Untat haftet.“