Von Hans E. Hölscher

Ein japanisches Hoffräulein begann vor vielen Jahrhunderten dieses Spiel: Sie setzte sich im Herbst in die stillste Ecke ihres Gartens, tauchte den feinen Haarpinsel in die Tusche und zeichnete mit feierlichen Schriftzeichen, in flüchtigen Stichworten nur, jene Dinge, Bilder und Ereignisse auf, die das Herz des Menschen glücklich machen oder traurig, oder die den Schleier der Melancholie herabsinken lassen auf die Seele, dieses Gespinst aus Schwermut und Glück, über dem ein Schimmer von Tränen zu leuchten scheint.

Ich weiß nicht, was jenes Hoffräulein geschrieben hat, aber sicher hat sich in der Landschaft des Herzens nichts geändert, seitdem – trotz aller Kriege und Schandtaten der Menschen; und wenn sie mir die Aufgabe übertragen hätte, so würde ich vielleicht auf das Blatt mit der Überschrift: „Was glücklich macht“ setzen: Erster Sonnenschein nach dunklen Regentagen. – Der Morgen einer Reise, von der wir viel erwarten. – Ein Kinderluftballon auf dem Flug in das Land Nirgendwo. – Die See wiedersehn. – Junge Hunde im Gras. – Ein Mädchen im weißen Kleid mit Blumen im Haar. – Heimkehren und es sind Briefe gekommen. – Im Garten liegen, den Wolken nachsehen und eine reife Frucht fällt dumpf ins Gras. – Im Theater geht das Licht aus und der Vorhang öffnet sich. – Eine junge Mutter hebt dem Geliebten ihren Sohn entgegen. – Einsamer Abend, und du beginnst ein vollkommenes Gedicht zu lesen. – Nach langem Warten der Schritt der Geliebten vor der Tür. – Licht in der Nacht nach langer Wanderung. – Vogelflug an einem klaren Tag. Junge Frauen gehen vorüber, sie lachen, und die schönste „wider“ deinen Blick. – Dämmerung schönste und ein Freund tritt ins Zimmer, den du lange entbehrt hast. – Die Geschichte hören von einer guten Tat in deiner Nachbarschaft. – Die Zärtlichkeit von Liebenden. – Sich wiegen in einen Boot, und der Wind bewegt am Ufer das Laub. Ferne Segel liegen hell vor dem Wind. – Unerwartetes Lob eines verehrten Mannes. – Reife Frucht in der Hand. – In das Feuer sehn. Und ich würde schreiben auf das Blatt, das die Überschrift trägt „Was traurig macht“: Ein toter Vogel im Gras. – Zertretene Blumen am Wege. – Ein zartes, süßes Mädchen wird an einen dicken alten Mann verheiratet, Tränen schimmern in ihren Augen. – An verlorene Liebe denken. – Ein Baum, der uns alt schien wie die Erde, wird gefällt. Schon zittert die Krone, und du wagst nicht hinzusehen, wenn er stürzt. – Flecken auf weißer Seide, – Absage eines Freundes auf unsere Einladung. – Schnee auf Blüten. – Ein roher Reiter mißhandelt ein schönes Pferd. – Stiller Morger nach einem Fest. – Ein blindes Kind an der Hand feiner Mutter im Park. Still lauscht es dem Lachen der anderen Kinder. – Gang durch ein Museum. – Ein Bahnhof in der Nacht. – Wenn der Wald brennt. – Das Grab eines Kindes und verwelkte Blumen darauf. – Ohne Nachricht sein von der Geliebten. – Gefangene ziehen vorüber. – Abschied.

Und ich würde schreiben auf das dritte Blatt, das die Überschrift trägt „Glück in Wehmut getaucht – oder Melancholie“: Ein Zug fährt vorüber und ein Augenpaar trifft dich wie eine flüchtige Frage. – Kinder singen ein Lied, das wir als Kinder sangen. – Gepreßte Rose in einem alten Buch, und an den Rand geschrieben der Name: Aimée. – Ein Mädchenbild der Mutter sehn. – In der Nacht erwachen, und Regen trommelt aufs Dach. – Musik in der Ferne. – Ein Abend im September, und der Nebel steigt. – Auf einer Brücke stehn und hinabsehn in fließendes Wasser. – Rauch der Kartoffelfeuer an einem windstillen Tag. – Den Garten der Kindheit wieder betreten. Alles ist kleiner und unscheinbar, was einmal groß und herrlich schien. – Abend am Ufer, und ein erleuchtetes Schiff gleitet vorbei. Musik klingt herüber, und du siehst ihm nach, bis es die Nacht verhüllt. – Oktoberwind, in dem die Drachen steigen. – Einsam sein am Heiligen Abend.

– Das sind nur wenige Worte und Bilder, aufgezeichnet so bunt durcheinander, wie sie mir grad in die Feder kamen. Ein jeder kann diese Liste beliebig verändern oder erweitern. Und wenn er das Geschriebene dann noch einmal durchliest, wird ihm ein wunderbares Erlebnis widerfahren so wie es mir geschah. Denn indem ich jedem einzelnen Wort nachdachte, so wie ich es hingeschrieben hatte im Augenblick, wurde der graue Alltag vom Morgen bis zum Abend auf einmal zum Wunderland. Nichts scheint zu geschehen, aber in Wirklichkeit schwebt ein leises Lächeln immerdar über den Dingen und eine Träne hängt immerdar in den Wimpern der wandernden Stunden, leicht bereit, über die Wange des Tages hinabzufließen. Mitten in Wandern lebst du – unendlich reich –, wenn dein Herz wach ist und deiner Seele erzählt.