Die Frage, ob der spanische Staatschef Franco ein Diktator wie Hitler oder Mussolini sei, wird in der Weltpresse immer wieder diskutiert. Gründliche Beobachter gelangen dabei zu der Ansicht, daß zumindest die persönliche Stellung des Generalissimus insofern ganz anderer Art sei, da er nicht Führer einer herrschenden Partei, sondern vielmehr Vermittler zwischen verschiedenen Kräftegruppen in Spanien ist, unter denen er – bisher mit bemerkenswertem Geschick, wie auch seine Gegner zugeben müssen – ein Gleichgewicht hergestellt hat.

Wie gefährdet dieses Gleichgewicht ist, zeigte die kürzliche Revolte der „Alten Garde“ der Falange. Der Chef des Falange-Nachrichtendienstes, Gonzales Vincent, forderte in der Zeitung „Pueblo“ größere Machtbefugnisse für die Syndikate unter Leitung der Falange. Dieser Artikel wirkte um so sensationeller, als der bekannte – Jugendführer der Falange, Elola, kurz vorher vor führenden Parteimitgliedern auf einer Tagung in Valencia die gleiche Forderung erhoben und dabei harte Worte für den früheren Führer der Katholischen Aktion in Spanien und jetzigen Außenminister Artajo gefunden hatte.

Die Falange war der Ansicht, daß die Macht heute in den Händen der Katholischen Aktion und der Monarchisten sei, und sie war nicht gewillt, sich an die Wand drücken zu lassen. Ebensowenig aber ließ sich Franco den Kurs vorschreiben, den er zwischen den untereinander uneinigen Trägern seiner Macht: Armee, Partei, Monarchisten und Katholischer Aktion, zu steuern habe.

Als die Opposition in der Falange gegen Artajo, dem vor allem die Verständigung mit dem Thronprätendenten Don Juan zum Vorwurf gemacht wurde, immer stärker wurde und sogar vor Francos Person nicht haltmachte, als offen der Erziehungsplan des Sohnes von Don Juan, Prinz Juan Carlos, kritisiert wurde, da er völlig in klerikalen Händen liege, dem Erziehungsgang Alphons XIII. angeglichen- und jedem Einfluß der Partei entzogen sei, da griff – Franco zu und ordnete eine Reinigung der Partei an.

Vincent wurde als Chef des Nachrichtendienstes und Führer der „Franco-Garde“ durch den Madrider Zivilgouverneur Ruiz Garcia ersetzt; auf den Posten des Parteisekretärs, der seit 1945, seit dem durch die Alliierten erzwungenen Rücktritt Arreses, verwaist ist, berief er den aus der Katholischen Aktion stammenden Innenminister Guesta, und mehrere „alte Kämpfer“ mußten hohe Regierungsstellungen verlassen.

Die Stellung der Monarchisten wurde gleichzeitig durch die Ernennung General Asensios zum Chef des Kriegsrates gestärkt, so daß mit General Vigon als Generalstabschef die oberste Armeeführung jetzt in monarchistischen Händen liegt.

Mehr als die überall als verfehltes Manöver bezeichneten Wahlen des vergangenen November haben diese Vorgänge die Stellung Francos im Inland und auch im Ausland verbessert. Eine sehr geschickte und rührige diplomatische Offensive brachte weitere Erfolge in der Zusammenarbeit mit den südamerikanischen Staaten und eine weitgehende Verständigung mit den arabischen Ländern. Ein ägyptischer Gesandter wird in Madrid akkreditiert werden, der libanesische Außenminister erhielt den höchsten spanischen Orden von Isabella der Katholischen „für hervorragende Verdienste um die Beziehungen zwischen den beiden Ländern“, und die ägyptische Zeitung „Misri“ veröffentlichte ein von der Kairoer Presse sehr freundlich aufgenommenes Interview Francos über die spanisch-arabische Freundschaft, die auf gleichen Interessen im Mittelmeerraum basiere, auf der gleichen Stellung zwischen dem kapitalistischen und sowjetischen Block und auf den „spirituellen Werten der Religion, die von Spanien wie von den arabischen Ländern als Grundlage ihrer Haltung im Gegensatz zum Materialismus anerkannt werden“. Mit arabischer und lateinamerikanischer Unterstützung kann Spanien in der UNO-Vollversammlung dieses Frühjahrs auf weit über 20 Stimmen rechnen.