1945 hatte sich die internationale Handelspolitik bald von einer egozentrischen Richtung zur Erkenntnis der Verbundenheit aller wirtschaftlichen Kräfte gewandt und uns Marshalls Europa-Plan, die Havanna-Charter und die Vorbereitungen zur Europäischen Zollunion beschert. Es schien so, als ob die Völker dem Irrglauben der Autarkie der so viel von unserm Unglück verschuldet hat, abgeschworen hätten. Neuerdings aber tritt die Frage auf, ob die vernünftigeren Auffassungen sich durchsetzen, oder ob sie vielleicht durch ein erneutes wirtschaftliches Wettrüsten erstickt werden. Die fortschreitende Industrialisierung allerorten und die Tendenz, den Export zu forcieren, die Einfuhr abzuwehren, müssen bedenklich stimmen.

Aus der erdrückenden Fülle des Materials seien einige typische Fälle herausgegriffen. Was Westeuropa betrifft, so soll in Frankreich, dessen Industrieproduktion nach den Feststellungen des CEEC (Committee of European Economic Cooperation) Mitte 1947 bereits 85 bis 95 v. H. des Standes von 1938 (gegen 35 v. H. bei uns!) erreicht hatte, die Produktionsleistung allgemein noch um weitere 40 v. H. und die Ausfuhr von 1,04 Mill. $ 1947 bis auf 1,98 Mill. % 1952 gesteigert werden. Aus Großbritannien sind Einzelheiten aus dem Vierjahresplan bekannt geworden; sie haben bereits zu einem scharfen Meinungsaustausch zwischen England and Frankreich geführt, das sich in einer Note über den britischen Wirtschaftsegoismus beklagt hat. Bis zum Jahre 1952 soll die britische Industrieproduktion gegenüber 1947 am ein Viertel und der Export um 30 H. erhöht werden.

Aus – Italien, wo die Industriekapazität im Metall- und Maschinenbau um 25 v. H. über dem (bereits überzüchteten) Stande von 1938 liegt, wird gemeldet, die Leistungsfähigkeit der Industrie solle so vermehrt werden, daß sie Maschinen im Werte von 2,4 Mrd. $ jährlich, d. h. doppelt soviel wie im Jahre 1933 erzeugen kann.

Auch für den norwegischen Außenhandel gewinnt die eigene Industrie zunehmend an Bedeutung. Der Industrieindex stieg für das erste Halbjahr 1948, trotz der erheblichen Kriegsschaden, auf 185 (1933 gleich 100). Zellulose-, Papier- und Konservenindustrie exportieren kräftig; eisen-, aluminium- und holzverarbeitende Industrie sind im raschen Aufbau begriffen, Schiffswerften und Fischindustrie mit Aufträgen überbelegt.

Schweden entwickelt sich durch sein protektionistisches Verhalten mehr und mehr zum Sorgenkind der europäischen Handelspolitik. Nicht genug damit, daß die Idee eines Vorzugszollsystems innerhalb der nordischen Völkerfamilie aufgetaucht ist: Schweden hat nun „zum Ausgleich seiner erschütterten Zahlungsbilanz und zur Auffüllung der stark dezimierten Valutabestände“ einen neuen Plan entwickelt. Die Einfuhr soll demnach um über eine halbe Milliarde Kronen (auf 4,2 Mrd. skr) gedrosselt und von Hartvalutaländern auf andere verlegt werden.

Der Geschäftsbericht eines Schweizer Weltunternehmens der chemischen Industrie, der Ciba A. G. in Basel, verzeichnet eine „deutlich feststellbare Tendenz der Verschärfung autarkistischer Bestrebungen von heute noch auf den Import angewiesenen Staaten“. Er läßt aber auch den starken Ausbau der Schweizer Industrie während der letzten Jahre erkennen und verrät gewisse nationalwirtschaftliche Tendenzen.

In Portugal bereitet der Auslauf der Kriegskonjunktur, die dem Land Millionen an Gold und Devisen verschafft und eine erhebliche Ausweitung der Industrie mit sich gebracht hatte, einiges Kopfzerbrechen. Schon jetzt ist die Einfuhr von Luxuswaren gestoppt, und es werden krampfhafte Anstrengungen zur Hebung des Exportes gemacht.