Ein unsichtbares Kaninchen ist im Augenblick der populärste. Theater-Star in London: Harvey ist sein Name. Von der Hauptfigur des Stückes wird es als ein ständiger Begleiter empfunden. Kein Zuschauer, kein anderer Sterblicher vermag das weiße Kaninchen zu sehen – die Hauptfigur jedoch wird durch die „Anwesenheit“ vor Harvey fortwährend in seinem Denken und Handeln beeinflußt.

So groß ist bereits die Beliebtheit von Harvey, daß ein berühmter Londoner Zeichner die Frage stellt „Haben Sie einen Harvey?“ und gleichzeitig diese Frage für einige prominente Politiker beantwortet. Schatzkanzler Cripps wird vom Harvey der Inflationsgefahr begleitet. Hinter den Empire-Propagandisten Lord Beaverbrook lungert der Paneuropäer Churchill als zigarrenrauchender Harvey. Und Ernährungsminister Strachey findet sich am Mittagstisch in der Gesellschaft eines Ochsen-Harvey – ein Hinweis auf die drohende Kürzung der britischen Fleischration wegen unzulänglicher argentinischer Rinderlieferungen.

Auch hinter manchem britischen Exporteur könnte man bei dieser kaninchenhaften Vermehrung der Harveys die imaginäre Gestalt eines überlebensgroßen deutschen Konkurrenten vermuten. Jedenfalls geben manche Äußerungen der letzten Wochen den Eindruck, als ob das deutsche Karnickel angefangen habe, sich auf den lebenswichtigen britischen Export zu stürzen... Es ist allerdings erfreulicherweise auch zu berichten, daß genügend Stimmen sich zu Wort melden, um diese deutsche „Gefahr“ auf ihre richtigen, sehr bescheidenen Maße zurückzuführen.

So heißt es in einer Untersuchung über die britischen und deutschen Vierjahrespläne im ERP, der für 1952 angestrebte deutsche Export mache wertmäßig etwa 45 H. der geplanten britischen Ausfuhr für das gleiche Jahr aus. Zwar wird auch darauf hingewiesen, daß die Steigerung der deutschen Ausfuhren einen Einfluß auf die britischen Ausfuhrziele – 150 v. H. der 1938 ausgeführten Mergen – haben werde. Aber es wird doch vernünftigerweise hinzugefügt, daß man Westdeutschland kaum bei dieser Aufgabe stören dürfe, wenn man die Abhängigkeit Westdeutschlands von ausländischer Hilfe einmal beendet, sehen wolle.

Einzelne Exporteure und Exportgruppen scheinen sich je doch mit dieser unausweichlichen Alternative noch nicht vertraut gemacht zu haben. So tat der Direktor der Vereinigung der Autofabrikanten und -Händler, Gresham Cooke, den Vorwurf „billiger Arbeitskräfte und subvention ierter Exporte“ gegen die westdeutsche Auto-Industrie erhoben und von der „Verdrängung britischer Kleinwagen“ durch den Volkswagen in der Schweiz, in Holland und Belgien gesprochen. Dieser Vorwurf wurde von der Beschwerde an die Adresse der britischen Regierung begleitet, daß sie „die deutsche Kraftwagen-Produktion auf einen hohen Stand ansteigen“ lasse. Nun, was die ,Subvention“ betrifft, so handelt es sich einfach darum, daß vor der Währungsreform fest abgeschlossene Exportverträge von der JEIA noch zu dem alten Umrechnungskurs von 17 cts durchgeführt werden. Was die Zahl dieser Exports betrifft, so hat die beschwerdeführende britische Vereinigung selbst mitgeteilt, daß im Oktober 295 deutsche Kraftwagen in die Schweiz eingeführt wurden. Es war die „Times“, die dazu bemerkte, die deutsche Produktion an Personenkraftwagen betrage monatlich etwa 4000, davon der größte Teil für den Inlandsmarkt Angesicht! der britischen Exportziffer von annähernd 20000 PKW monatlich im Jahre 1948 könne man die deutsche Ausfuhr an Kraftwagen wohl als gering bezeichnen.

Und zu der „Verdrängung“ etwa vom schweizer Markt kann man hinzufügen, daß die wichtigsten Märkte für britische Kraftwagen stets außerhalb Europas gelegen haben. Dort ist es England dank seiner sehr erheblichen Anstrengungen gelungen, nach dem Kriege sehr gute Ergebnisse zu erzielen. Im Empire waren 57 v. H. der eingeführten PKW aus England gekommen, und 10 v. H. der britischen Kraftwagenausfuhr konnte sogar in den USA abgesetzt werden. Das sind Erfolge, zu denen wir die britische Industrie aufrichtig beglückwünschen, ebenso wie zu ihrer hohen Gesamtproduktion von etwa 330 000 PKW im Jahre 1948 trotz Stahlmangels und anderer Schwierigkeiten. Wir hoffen, daß diese Ziffer, der – britischen Angaben zufolge – ein westdeutscher Produktionsplan für 1949 von 90 000 PKW gegenüberstehen soll, es den englischen Produzenten ermöglichen wird, den unsichtbaren Harvey der übermäßigen deutschen Konkurrenz „aus den Augen zu verlieren“.

Das Gespenst niedriger deutscher Preise wird nicht nur von der britischen Auto-Industrie heraufbeschworen. Im Verlauf weniger Tage haben in den Spalten der „Times“ die Präsidenten zweier Industrie-Vereinigungen, der Hersteller von Verbrennungsmotoren und der Hersteller wissenschaftlicher Geräte, gegen zu niedrige deutsche Exportpreise protestiert. Bei Dieselmotoren heißt es, daß kleine Motoren aus Deutschland im Preise den englischen vergleichbar seien, dagegen bestimmte Motoren von 500 PS um 40 bis 50 v. H. billiger seien. Bei Mikroskopen und Photoapparaten beschwert man sich, daß die Preise zum Teil um 30 bis 40 v. H. unter den britischen lägen und daß eine Firma „entgegen den allgemeinen Erwartungen“ ihre Preise nach der Währungsreform gesenkt habe. Der Hinweis auf die niedrigeren deutschen Löhne fehlt bei diesen Beschwerden ebensowenig wie die Warnung vor der „Gefährlichkeit“ dieser Industrien. Dagegen vermißt man eine Erinnerung daran, daß deutsche Mikroskope und Kameras stets wichtige deutsche Ausfuhrgüter waren und daß niedrige Löhne eine der bedauerlichen Ausdrucksformen für die deutsche Verarmung sind. Diese Verarmung wird man uns doch wohl nicht als „unfaire Konkurrenz“ vorhalten wollen?