Klappholttal und das „Pestalozzi-Dorf“ bei Köln

Vor kurzem wurde bei Köln ein Kinderdorf eingeweiht, das sich an das Muster des Schweizer „Pestalozzi-Dorfes“ Trogen anlehnt, in dem durch den Krieg elternlos gewordene Kinder aller europäischen Länder vereint sind. In dem deutschen „Pestalozi-Dorf“, dem ersten in der britischen Zone, werden deutsche Waisen und Flüchtlingskinder christlich erzogen und für das Leben, das sie ohne den sicheren Schutz von Elte-n, Verwandten oder Bekannten durchstehen müssen, vorbereitet. Sie leben dort – nach Schweizer Vorbild, – in „Familien“, die aus je einem ausgesuchten Elternpaar bestellen, das zu seinen leiblichen Kindern zehn Waisen oder Flüchtlingskinder aufnimmt.

Seit langem schon besteht in Klappholttal auf Sylt ein Kinderlager, das, obwohl es nicht zu den Pestalozzi-Dörfern zählt, doch genau wie sie heimatlosen Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis fünfzehn Jahren, Waisen und Flüchtlingen aus allen Teilen Deutschlands, eine Ersatzheimat sein will. Die grünen Baracken, in denen die Kinder hier wohnen, sind für manchen „alten Jugendbewegten“ voller Erinnerungen. Das Lager Klappholttal wurde noch, im kaiserlichen Deutschland für das Militär eingerichtet; nach dem ersten Weltkrieg erwarb es die Jugendbewegung, und nun tobte Sommer für Sommer die Jugend der zwanziger Jahre, die sich aus der Enge der Nachkriegs-Großstädte „den Drang ins Freie“ gerettet hatte, in den Dünen und am Strand. Klappholttal wurde für viele der Inbegriff eines Ferienziels und unbeschwerter Sonmertage an der Nordsee. Seit 1945 beherbergt das Lager ständig 70 heimatlose Kinder. Dazu kommen die kleinen Sommer- und Wintergäste, die sich wenigstens für einige Wochen in der gesunden Seeluft erholen sollen. Aber auch hier fehlt heute dringend Geld. Die Lagerleitung hat große Sorgen, wie sie Lebensmittel, Kleidung, Wäsche, Spielzeug und Lehrmittel bezahlen soll.

Nun fahren die alten „Klappholttaler“, die auch während des zweiten Krieges den Tummelplatz ihrer Jugend nicht vergessen haben, noch jetzt im Sommer gern nach Sylt zu Besuch; – und deshalb hat man in Klappholttal die Idee gehabt, man sollte ihnen, mit Geld, das sie selbst dazu stiften, ein Gästehaus bauen, da ihre Betten ja von den Kindern belegt sind. Durch die Stiftung würden sie sich ein Anrecht erwerben, ihre Ferientage wie vor vielen Jahren wieder in Klappholttal zu verleben und würden in Verbindung bleiben mit den jetzigen Aufgaben und Sorgen des Kinderheimes. Im Winter, wenn das Gästehaus leer steht, sollen dann die Kinder darin wohnen. So möchte man in Klappholttal eine Verbindung zwischen alten Freunden und neuer Bestimmung schaffen.

Man spricht in Deutschland mit Recht von der schrecklichen Lage der Heimkehrer und der Flüchtlinge. Wenig nur spricht man von den Kindern, die durch den Krieg ihre Eltern verloren. Die Beteiligten aber wissen darum, daß es kaum eine schönere Aufgabe gibt als die, die man sich in den Pestalozzi-Dörfern und in Klappholttal auf Sylt stellte: mit Rat und Tat für diese Kinder zu sorgen, die allein sind und als Kinder immer allein bleiben werden. P. H.