Von Walther Merck

Um eine Diskussionsbasis für die Hochschulreform zu schaffen, hat man sich in Deutschland zum erstenmal einer Methode bedient, die auf der Idee der englischen Royal Commission beruht. Eine Einrichtung, mit deren Hilfe in England, wenn es um wichtige Fragen des öffentlichen Interesses geht und kein geeignetes Organ für eine Untersuchung zur Verfügung steht, die fraglichen Grundlagen und Meinungsverschiedenheiten geklärt und Vorschläge entworfen werden. Die Royal Commission ist vom Staat, den Parteien und der Wirtschaft unabhängig. Auch bei. der deutschen Hochschulreform hat man sich bemüht, ihr durch die Auswahl der Mitglieder aus den verschiedensten Lebensbezirken eine möglichst breite Basis zu geben.

Den Vorsitz der Hochschulkommission führte; Dr Everling, Alterspräsident der Groß-Einkaufs-Genossenschaft. Dem Ausschuß gehörten an: je ein Vertreter der evangelischen und katholische Kirche, je ein Vertreter der pädagogischen Akademien, der Universitäten und der technischen Hochschulen, ferner ein Mitglied der Gewerkschaften und schließlich als Vertreterin des weiblichen Geschlechts die Regierungsdirektorin im Kultusministerium in Hannover. Als ausländische Mitglieder gehörten dem Ausschuß an: Lord Lindsay of Birker, der Master des Balliol College in Oxford und Professor von Salis aus Zürich, deren Erfahrungen einen wertvollen Beitrag für die deutschen Probleme bildeten. Dieser Ausschuß hat schließlich sein Votum einstimmig abgegeben und gerade diese Einmütigkeit verdient angesichts der recht verschiedenen Ausgangspositionen hervorgehoben zu werden.

Das Gutachten stellt fest, daß die Hochschulen im Kern gesund sind. In ihnen ist eine Tradition bewahrt worden, die aus dem Geist des christlichen Humanismus stammt. Aber jede traditionsgesättigte Institution ist in der Gefahr der Erstarrung; sie muß von einem ständigen Erneuerungswillen beseelt sein, Veraltetes preisgeben und Neues hereinnehmen. Es ist den Hochschulen bisher nicht gelungen, der tiefgreifenden sozialen Umschichtung voll gerecht zu werden. Es besteht ferner die Gefahr der Auflösung in ein Nebeneinander von Fachschulen. Die Aufgabe der Hochschule ist „Dienst am Menschen durch die in wissenschaftlicher Erforschung der Wirklichkeit zu gewinnende Lehre der Wahrheit“. Die tragenden Begriffe der Formel sind Mensch, Erforschung, Lehre.

Aus dieser Grundlegung ergeben sich die Reformvorschläge im einzelnen. Um den Dienst am Menschen ausüben zu können, muß die Hochschule ihre Studenten zu Menschen, zu Persönlichkeiten bilden und sie über die Ausrüstung mit Fachwissen und fachlich begrenzten Fertigkeiten hinaus, für diesen Dienst vorbereiten. In einer zivilisierten, technisierten und sozialisierten Gesellschaft sind bestimmte allgemeine Kenntnisse und Erkenntnisse notwendige Voraussetzung für das Verständnis des Menschen. Der Student soll sie in den beiden ersten Semestern – in einem Studium generale – durch Beschäftigung mit Grundgebieten, wie Philosophie, Psychologie, Volkswirtschaft, Sozialwissenschaft und Geschichte erwerben. Diese beiden zusätzlichen Semester sollen dadurch gewonnen werden, daß das in einer Anzahl von Ländern noch bestehende 13. Schuljahr von der höheren Schule abgetrennt wird. Dabei soll der Student zugleich die Einheit der Wissenschaft erfahren und die Einheit der Bildung an sich spüren.

Mit diesen neuen Aufgaben wird sich die Hochschuld umgestalten und erweitern müssen, wobei aber der Zusammenhang von Forschung und Lehre auf jeden Fall gewahrt bleiben muß. Man ist von dem hohen erzieherischen Wert des Vorbildes überzeugt, das der freie und unabhängige Forscher, der ganz der Sache dient, dem Studenten bietet; aber neben Forschung und Lehre tritt gleich bedeutsam die Erziehung. Um die Professoren zu entlasten, wird nach dem Gutachten die pädagogische Betreuung der Studenten sogenannten Studienprofessoren und Studiendozenten übertragen. Sie sollen, ähnlich wie die Tutoren in England dem Studierenden auf seinem Studienweg ratend und helfend zur Seite stehen, wobei die studentische Freiheit unangetastet bleiben soll Die Stellung der Universität zum Staat und in der Öffentlichkeit soll durch die Schaffung zweier neuer Organe, des „Hochschulbeirates“ und des „Hochschulrates“ geordnet werden.

Der Hochschulbeirat soll aus Vertretern der verschiedenen unpolitischen Körperschaften und Organisationen sowie Vertretern des Ministeriums und der Hochschule selbst bestehen. Er ist als die Einrichtung gedacht, welche die Hochschule wieder unmittelbar in das öffentliche Leben einbettet und so mithilft, die Entfremdung und das Mißtrauen zu beseitigen, die weithin bestehen. Die Hochschule wird auf diese Weise aus ihrer Exklusivität befreit. Mitarbeit und Mitverantwortung in allen Hochschulangelegenheiten sind die demokratischen Mittel zur Überwindung unfruchtbarer Kritik. Der Hochschulrat wird als das höchste Organ der Selbstverwaltung der Hochschule bezeichnet. Er setzt sich aus höchstens sechs ehrenamtlichen Mitgliedern zusammen, die zu gleichen Teilen von der Hochschule, der Landes regierung und dem Hochschulbeirat gewählt werden. „In einem geregelten Zusammenwirken mit dem Rektor vertritt der Präsident die Gesamtinteressen der autonomen Hochschule gegenüber dem Staat und der Öffentlichkeit sowie gegenüber den Einzel- und Gruppeninteressen innerhalb der Hochschule.“

Das ausgezeichnet geschriebene Gutachten kennt die^sehr relative Bedeutung alles Institutionellen-Es kommt auf die tragende Gesinnung und den treibenden Geist an, und damit beginnt und endet die Reform hier, wie überall, bei dem Menschen.