Ein dicker, breitschultriger Mann in einfacher Khaki-Uniform wandert ruhelos durch die Arbeitsräume des Abdin-Palastes in Kairo, blättert kurz in den neuesten Berichten über die Negebfront, – liest einen Chiffrebericht über die Waffenstillstandsverhandlungen in Rhodos und einige Meldungen des Innenministeriums, die von Unruhen in oberägyptischen Städten, geheimen Treffen der verschiedenen Hauptstadt und Demonstrationen in der mitgeführt sprechen; es sollen Schilder dabei mitgeführt worden sein, deren Aufschriften lauteten: „Faruk muß abtreten“ und „Wir wollen eine Republik“!

Es ist König Faruk, der seit Wochen keine Ruhe findet und schwere Sorgen hat. Außen- und innenpolitisch bedrohen dunkle Wolken Ägyptens Zukunft Wie soll man die völlige Niederlage der ägyptischen Truppen im Negeb und den Wunsch nach Hilfe mit der Ablehnung des ägyptisch-britischen Beistandspaktes von 1936 vereinen? Ägypten – und das ist oder vielmehr war bisher in erster Linie er, der König – hat den britischen Beistand nicht erbeten, den der israelitische Einbruch in ägyptisches Gebiet nach dem Wortlaut des Vertrages ermöglicht hätte, sondern hat sich lieber zu direkten Verhandlungen mit Israel bereit gefunden, womit man gleichzeitig dem königlichen Vetter in Transjordanien einen empfindlichen Nadelstich versetzen konnte.

Dabei steht einer britisch-ägyptischen Verständigung nur ein Problem im Wege, das aber so schwerwiegend ist, daß sich bisher keine Lösung fand: der Sudan angeblich ein angloägyptisches Kondominium, in Wirklichkeit eine britische Kolonie Seitdem Lord Cromer den Vater Faruks, Fuad, zwang, den Titel eines „Königs des Sudans“ abzulegen, und seitdem die Nilwasser zur Bewässerung der ständig sich ausdehnenden sudanesischen Baumwollfelder abgezweigt und damit Ägyptens Boden entzogen werden, ist die Vereinigung dieses Gebietes mit der ägyptischen Krone eine Forderung nicht nur aller ägyptischen Parteien, sondern auch ein sehr persönliches Anliegen des Königs, der der größte Besitzer von Baumwolland in Ägypten ist. Die britische Regierung hat 1948 nach dem Scheitern der anglo-ägyptischen Verhandlungen begonnen, dem Sudan eine größere Selbständigkeit zu geben. Es wurden Wahlen abgehalten für eine gesetzgebende Versammlung, die die Ägypter als „britische Puppe“, die Engländer als Beginn einer demokratischen Selbstregierung ansehen. Die Niederlage, die die ägyptenfreundliche Aschigga-Partei bei diesen Wahlen erfuhr, und die Verhaftung ihrer Führer nach des Krawallen in Khartum waren die Gründe, die der Mörder des bisherigen Ministerpräsidenten Nokraschi Pascha für seine Tat angab: – da „Nokraschi die Rechte im Sudan nicht energisch wahrgenommen“ habe.

Verärgert durch diese Betrachtungen, läßt sich der König seine Lieblingsschwester Fauzia zum Vortrag kommen, die seit ihrer Rückkehr aus Iran immer mehr zu seiner engsten Mitarbeiterin geworden ist. Aber auch sie weiß nur über die schweren wirtschaftlichen Probleme des Landes zu berichten; noch nicht einmal die Baumwollernte des Vorjahres ist verkauft. Die britische Textilindustrie zieht neuerdings sudanesische Baumwolle vor ...

König Faruk setzt seine Hoffnungen auf den neuen Ministerpräsidenten Abdulhadi Pascha, der ein Abkommen mit Großbritanien vorbereitet, das auch die Sudanfrage regeln soll. Er war jahrelang Kabinettschef Faruks, so daß der König durch ihn weiterhin, wie bisher, seinen maßgeblichen Einfluß zu behalten hofft. Wenn nur der Wafd nicht wäre! Diese größte ägyptische Partei, die aus einer von ihrem Gründer Zaghlul Pascha nach Ende des ersten Weltkriegs geführten Abordnung (Wafd ist das arabische Wort für Abordnung), welche von der britischen Regierung die volle ägyptische Freiheit forderte, hervorging, hatte bei jeder Wahl auch unter ihrem neuen Führer Nahas Pascha die überwältigende Mehrheit im ägyptischen Kabinett inne. Dennoch hatte sie der König immer wieder ausgeschaltet – mußte sie ausschalten, wenn er die Geschicke Ägyptens persönlich lenken wollte. Die weitgehenden sozialen Reformen, die der Wafd fordert, mögen hierfür nicht so ausschlaggebend gewesen sein wie die Persönlichkeit Nahas Paschas, mit dem Faruk nicht zusammenarbeiten konnte.

Heute ist der Wafd jedoch stärker als je und – bereit, in die Regierung Abdulhadi einzutreten. Eine Zustimmung hierfür hat sich Faruk nur sehr schwer abringen können, doch scheint ihm innerpolitisch kaum eine andere Möglichkeit geblieben zu sein, nachdem er durch das Verbot der „Moslimischen Brüder“ und der Kommunisten die extremen Kreise sich zu unversöhnlichen Feinden gemacht hat, nachdem weiter die jungägyptische Misri-el-Fattat-Partei als zu europafreundlich wenig Anhänger findet und die Saadisten nach Nokraschis Tod ständig Anhänger an den Wafd verlieren-

Mit einer Bebauung des Wafd kann Faruk erneut das Vertrauen der breiten Volksschichten erlangen. Für Ägypten verspricht die lange Schule der Unterdrückung, durch die der Wafd eine gemäßigtere Form erhalten hat, eine Art „dritter Kraft“ zu werden. Außenpolitisch dürfte damit eine neue Phase anglo-ägyptischer Zusammenarbeit entstehen können, die für die Befriedung des Nahen Ostens von größter Bedeutung werden kann. –lze