Der Aufstand der „Farbigen“ ist keine Utopie mehr. Er ist in Asien nahezu vollendet und steht in Afrika möglicherweise dicht bevor. „Langsam aber sicher wird den Negern ein rassisches Selbstbewußtsein, eine gemeinsame Verhindrung aufgezwungen, nicht nur in Südafrika, sondern in der ganzen Welt“, so schrieb H. G. Wells in seinem Outlook for Homo Sapiens, „aber Südafrika scheint der unvermeidliche Schauplatz für ihren Ausbruch zu sein.“ Das Blutbad, das 10 000 amoklaufende Bantus Mitte des Monats unter der indischen Bevölkerung anrichteten, ist zumindest eine warnende Illustrierung dieser Prophezeiung. „Die Kriegstrommeln dröhnen wieder wie einst vor 110 Jahren über Südafrika“, berichtete ein Reuter-Korrespondent aus Kapstadt. Ihr Ton sei heute zwar unhörbar, doch ihre Botschaft immer noch die gleiche: „Auflehnung gegen den weißen Mann.“

Die Schuld an dieser Entwicklung trage die diskriminierende Rassenpolitik der nationalistischen Regierung, behaupten London und die anglophilen Blätter Südafrikas. Im Gegenteil, erklären die Nationalisten, die Ausschreitungen und die immer unerträglicher werdende Arroganz der Schwarzen beweisen, daß noch viel schärferes Durchgreifen notwendig ist Ob Auflehnung oder Unterdrückung Ursache oder Wirkung sind – das wird wahrscheinlich nie ganz geklärt werden. Vorerst jedenfalls tut man gut daran, sich an die südafrikanischen Realitäten zu halten, Ministerpräsident Dr. Malans unverrückbarer Standpunkt in der Eingeborenenfrage heißt: „Südafrika ist weißen Mannes Land. Der aus 2,3 Millionen Europäern bestehende Vorposten im dunklen Erdteil kann gegen 9 Millionen Eingeborene nur dann gehalten werden, wenn jeder Kompromiß und jede Vermischung vermieden werden“ Auf afrikanisch heißt das: „Apartheid“ und bedeutet die absolute geographische, soziale und blutsmäßige Trennung zwischen Schwarz und Weiß sowie eine gewisse politische Autonomie für die Neger in ihren Reservaten,

Die letzte nationale Bantu-Vertretung, der Eingeborenen-Rat, ist bereits Anfang diese Jahres aufgehoben worden. Die Regierung hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie auch noch die Eingeborenen – Repräsentation im allgemeinen Parlament, die durch drei Weiße ausgeübt wird, abzuschaffen gedenkt. Und hier nun ist während der halbjährigen Regierungszeit der Nationalisten das erste größere Hindernis aufgetaucht,

Dr. Malans Nationalisten können in beiden Häusern des Parlaments ihre außerordentlich knappe Mehrheit nur durch eine Koalition mit der Splitterpartei der „Afrikaner“ erhalten, deren Führer, Finanzminister Havenga, sich jetzt jedoch entschieden gegen den geplanten Schritt der Regierung gewandt hat. Die Eingeborenen-Gesetzgebung, argumentiert er, könne gemäß dem Westminster-Statut – das die Nationalisten als nicht mehr bindend betrachten – ausschließlich mit einer Zweidrittelmehrheit abgeändert werden. Die Koalition ist also bedroht. Und mehr als das. Die Führung der oppositionellen United Party erwägt bereits eine eventuelle Verbindung mit den Afrikanern gegen die Nationalisten.

Malan, keineswegs von blindem Rassenhaß getrieben, ist sich der drohenden, Gefahr durchaus bewußt. Sein Ziel ist es, auf irgendeine Art und Weise die qualifizierte Majorität zustande zu bringen, mit der er einen unanfechtbaren Kurs steuern könnte. Und wenn nicht alles täuscht, hat er bereits einen Ausweg aus der Krise gefunden. Er hat den Kampfplatz außerordentlich geschickt gewählt: Das indische Glacis.

In Natal und Transvaal leben beinahe 300 000 Inder. Wenn man einen Buren fragt, wie sie dorthin gelangten, antwortet er lakonisch: „Sie kamen, wurden reich und vermehrten sich.“ Unter Smuts wurde für sie die Asiatic Tenure and Indians Representation Bill erlassen, deren erster Teil den Indern Landerwerb nur in genau abgegrenzten Gebieten gestattet und deren zweiter Teil die Vertretung der Inder im Parlament durch fünf Weiße regelt. Da die Inder dieses „Getto-Gesetz“ von Anfang an boykottiert haben, bestand an sich überhaupt kein Grund, auch juristisch die Aufhebung jeder indischen Repräsentation im Parlament zu fordern. Malan tut es dennoch. Denn alle Maßnahmen gegen die Inder sind in Natal und Transvaal, wo die United Party eine große Anhängerschaft hat, bei der weißen Wählerschaft populär, während die Leitung der United Party mit Rücksicht auf ihren liberalen Kurs und ihre Wähler in der Kap-Provinz und im Oranje-Freistaat gegen derartige Beschränkungen auftreten muß. Malan hofft, den rechten Flügel der United Party abzuspalten.

Die Hoffnungen der United Party auf eine eventuelle Koalition mit den gegenwärtig noch in der Regierung vertretenen „Afrikanern“ einerseits und die Schachzüge Dr. Malans anderseits zeigen es: Südafrikas Innenpolitik ist eine Frage der Nuancen. Trotz mancher, nach unseren Begriffen totalitär anmutenden Tendenzen erfreut sich, wie selbst News Chronicle feststellt, die nationalistische Regierung „großer Beliebtheit“. C. J.