Maxwell Andersons „Johanna von Lothringen“

Johanna geht, und nimmer kommt sie wieder: soeben hatte eine neue Jungfrau von Orleans einen geradezu enthusiastischen Erfolg in Stockholm. Maxwell Andersons „Johanna von Lothringen“ ist die nonchalanteste Johanna, die geschrieben wurde und zugleich die in der Tiefenwirkung raffinierteste. Das Stück des großen Broadwaykämpen Anderson, der zur „gehobenen Ausdrucksform“ strebt und in Versen schrieb, „um über das Alltagsleben erhoben zu werden“, der das Theater als die bewußte „moralische Anstalt“ wissen will, läßt hier die Jungfrau zigarettenrauchend diskutieren und einen Kardinal einer strammen Frau in die Hüften zwicken. Es geschieht natürlich alles auf einer Theaterprobe; aber das ganze Stück ist nichts anderes als eine Probe, bei der sich von Akt zu Akt die Debatte schließlich in einem Becken der Spannung sammelt, die in feste Form gefügt ist.

Kann man Kompromisse und Zusammenarbeit mit unehrlichen Menschen verteidigen, wenn man ein großes Ziel erreichen will? Diese Frage ist der Kern des Stückes, das eine Art Über-Shaw ist. „Es kann sein, daß Johanna in kleinen Dingen Kompromisse macht, sie darf aber nie mit ihrem Glauben Kompromisse machen, eher dürfte sie den Scheiterhaufen bestiegen haben“, sagt der Autor, der dem immer aktuellen Johannaproblem eine neue, gedanklich ebenso kühn herausfordernde wie smarte Seite abgewann.

Das schwedische Auditorium, das im „Dramatischen Theater“ das Werk unter Molanders Regie mit der Mary Grey der Gunn Wällgren zu starker Wirkung brachte, war von der pikanten Weise, das Thema zu variieren, stark beeindruckt. Es folgte Anderson gern, der seltsame Wege in seiner Entwicklung ging. Sein Vater reiste viel herum, so daß Maxwell in siebzehn Schulen gelernt hat. Er wurde als Lehrer entlassen, weil er als Pazifist auftrat, als Redakteur, weil er nach 1918 zu sagen wagte, Deutschland werde seine Reparationen nicht bezahlen. In Hollywood „schmiß er hin“, weil er seine künstlerischen Zwecke nicht erreichte; er konnte – das Vorbild seiner Johanna – sich nicht zu Kompromissen verstehen. Gerhard Krause