Die Deutschen gelten als doktrinär, und sie sind es auch. Aber in unserem stiren Festhalten an Grundsätzen sind wir doch geradezu Waisenknaben, verglichen mit dem bürokratischen Doktrinarismus, mit dem General Clay das Prinzip der Gewerbefreiheit in „seiner“ Zone durchgepaukt hat. Sic volo, sie jubeo: beschlossen und verkündet! Und eine Begründung wird gar nicht erst gegeben.

Die beiden Westzonen stellen, wie feierlich verkündet worden ist, ein einheitliches Wirtschaftsgebiet dar; aber es gelten verschiedene Gesetze. Der „Anschluß“ der Südzone ist längst beschlossen und zugesagt: wir warten noch immer auf die Verwirklichung. Die deutschen Instanzen sollen zunehmend in die Verantwortung eingeschaltet werden: aber sie erhalten immer wieder Befehle. Ein Besatzungsstatut, das sicherlich die deutsche Kompetenz in der Frage der Gewerbegesetzgebung bringen wird, steht in Kürze bevor: in unverständlicher Eile wird jetzt, für ein Teilgebiet, ein fait accompli geschaffen. Was wunder, wenn angesichts dieser Ungereimtheiten die merkwürdigsten Gerüchte entstehet: General Clay verfolge mit der befohlenen Gewerbefreiheit nur die eine Absicht, den Displaced Persons schnell noch eine Chance zu geben, sich wirtschaftlich zu „setteln“. So wird es ja freilich nicht sein! Immerhin wird der plötzlich – und ohne die von deutscher Seite nun einmal für erforderlich gehaltenen Sicherungsmaßnahmen – erfolgende Übergang zur Gewerbefreiheit der ohnedies privilegierten Schicht der DPs ungleich größere Vorteile in den Schoß werfen als etwa den Ostvertriebenen. Denen fehlt nicht nur, in aller Regel, das Anfangskapital, um die Gewerbefreiheit zu nützen: ihnen fehlt, vor allem, was die Berater General Clays mangels genügender Kenntnis der deutschen Verhältnisse übersehen, die Freizügigkeit. Ohne Freizügigkeit aber bleibt das Recht zur freien Berufsausübung ein Messer ohne Heft und Klinge ...

Das Besondere an diesem „Konflikt“ zwischen Obrigkeit und Untertanen ist, daß man im Grundsätzlichen gar nicht so weit auseinander ist, und daß der Streit eigentlich nur um das Verfahren geht. Dem Wirtschaftsrat liegt ein Rahmengesetz zur Gewerbefreiheit vor, dem sicherlich auch die meisten Länder zustimmen werden. General Clay hat weder den Text des Entwurfes zur Kenntnis genommen, noch die Geduld gehabt, den Beschluß des Frankfurter Parlaments abzuwarten. So wird nun also, ohne innere Notwendigkeit, für eine kurze Zeitspanne verschiedenes Recht in den beiden Zonen des „Vereinigten Wirtschaftsgebiets“ gelten. Und in Bayern und Württemberg-Baden, in Hessen und (ganz besonders) in Bremen wird den Ansturm der Anwärter auf die freigegebenen Berufe einsetzen – ein Ansturm vor allem auf die Wohnungsämter der Städte, von Leuten, die enttäusche sein werden, keinen Zuzug zu erhalten.

G. K.