Von Gerhard Krause

Jeden Freitag, fliegt eine skandinavische Maschine von Stockholm über Schonen nach Kopenhagen, um von hier aus in gut zwei Stunden Warschau zu erreichen und anderthalb Stunden später den Rückflug nach Schweden anzutreten, wo sie gegen 21 Uhr wieder eintrifft. Auf dem Warschauer Flugplatz, der einen sehr aufgeräumten Eindruck hinterläßt, ohne noch die letzten Kriegsspuren verwischen zu können, verabschiedet sich eine polnische Auswandererfamilie unverkennbar ländlicher Abstammung, und Kind und Kegel verstopfen den Eingang zum Zoll. Darum läßt auch der Abflug des skandinavischen Flugzeuges auf sich warten, und erst nach der vorschriftsmäßigen Abwicklung – aller Formalitäten hebt es seine zweimotorigen Schwingen. Im Augenblick der Abfahrt beten die Auswanderer den Rosenkranz, und als die Motoren kurz vor dem Abflug mit intensivsten Kräften ihr tutti losrattern, versenken sich die schlichten Bauersleute, für die dieser Flug etwas Unheimliches, etwas göttlich Strafvollzugsmäßiges an sich hat, in ihre Gebet- und Gesangbücher, die sie erst wieder zuklappen, als das Flugzeug in Kastrup, auf dänischem Boden, landet und sie in den bereits auf sie wartenden Skymaster, das viermotorige Ungeheuer, in Erwartung neuer Schrecken, steigen.

Der Abstecher von Skandinavien hat sich gelohnt. Das Wiedersehen mit Polen, das ich 1944, kurz vor Warschaus völliger Zertrümmerung zum letzten Male sah, bringt manche Überraschung. „Wir haben hier eine marxistische Einstellung – und wir wissen, daß sie nicht überall verstanden wird. Und doch geben wir uns Mühe, aufzubauen, und mit den anderen für den Frieden zu arbeiten.“ So ungefähr lauten die Worte, die der Direktor des Presse- und Informationsdepartementes im „MSZ“, im polnischen Außenamt, sagt. Sein früherer Sitz im Brühlschen Palais – von der deutschen Besatzungsmacht „monumental“, wie nicht anders zu erwarten, ausgebaut – ist längst geschwunden, und heute befindet sich das Gebäude des Ministerstwo Spraw Zagraniczynch in der Al. I-Armii W. P. 23 (Allee der 1. Armee). Ein neues, anderes Ministerium ist erstanden: das Ministerium für Kultur und Kunst, das seinen Sitz in der gleichen großen Straße hat, die als eine der ersten die gräßlichen Spuren der Verwüstung auszulöschen bemüht war. Nicht weit von hier ist der Lazienkipark. Sein Schloß ist wieder hergestellt; man arbeitet zur Zeit an seiner Innendekoration. Das originelle Theater – eine Freilichtbühne, die sich auf einer kleinen, zierlichen Insel befindet, während die Zuschauer auf dem „Kontinent“ sitzen, hat seine ursprüngliche Gestalt wieder erhalten. „Wir bauen auch ohne Marshall-Plan auf“, äußerte ein Pole, ohne die Absicht, einen politischen Hieb zu versetzen, der mich hoffnungslos. Unpolitischen auch nicht aus der Bahn geworfen hätte.

Hier präsentiert sich bereits eine lange, weiße Häuserfront, dort erstand ein weißer Gebäudekomplex, da leuchtet ein Hochhaus aus der Straßenmitte. „Jedes neuerbaute oder restaurierte Haus wird weiß angestrichen“, erklärte man mir, und stolz fügte der Sprecher hinzu: „Warzawa wird eines Tages eine weiße Stadt sein und strahlen.“ Die bekannte Geschäftsstraße, die Marszakowska, arg zusammengeschlagen, wird um das Doppelte verbreitert, die Nowy Swiat ist wieder instandgesetzt und eine der meistbelebten Straßen Warschaus, das längst aus der Lethargie erwachte und in vielen Teilen die Konkurrenz mit jeder anderen Landeshauptstadt aufnehmen kann. Einzelne Partien sind auf das Eleganteste hergerichtet: die große Brücke über die Weichsel mit der Phalanx moderner Leuchtkörper gehört zu dem Repräsentativsten, was das neue Warschau aufzuweisen hat, in dem mit fieberhafter Betriebsamkeit gebaut wird.

Unvorstellbar sind freilich die Zertrümmerungen. Über dem Ghetto liegt ein Leichentuch. Auf den Bürgersteigen im Zentrum der Stadt sieht man grünende Kränze, frische Blumen, schwarzumränderte Tafeln, Kerzen zum Gedächtnis der im Straßenkampf Gefallenen, Ermordeten oder Umgekommenen. Die Pietät ist dem Polen Herzenssache, besonders sein Hang zum Religiösen. Es ist eine charakteristische Tatsache, daß Polen seine Kirchen vor allen anderen Gebäuden wieder aufbaute. Viele Gotteshäuser sind in ihrer alten Schönheit wiedererstanden, und wer kreuz und quer durch die Lande reist, entdeckt keinerlei Veränderungen des religiösen Kults, trotz aller kirchenpolitischen Dissonanzen. Geschmückt stehen die Muttergottesbilder und Kruzifixe am Wege. Das große Gotteshaus der polnischen Protestanten in Warschau – in dem einst „Bursche“ amtierte („in Deutschland heißt der Bursche Kerrl, in Polen heißt der Kerl Bursche“) – ist noch nicht neu errichtet wie die Heilig-Kreuz-Kirche, in deren Katakomben der Gottesdienst abgehalten wird. Man drängt sich zu den gottesdienstlichen Feiern.

Man drängt sich auch zu den Vergnügungsstätten. Das große Hotel „Polonia“ gegenüber dem neuen Warschauer Bahnhof, der dem Erdboden gleichgemacht wurde, hat die Bartholomäusnächte überstanden und ist heute Zentrum weltlicher kulinarischer und tänzerischer Schwelgerei. Die Preise sind dementsprechend. Hotel „Bristol“ ist aufgestockt worden und das eleganteste Hotel der polnischen Hauptstadt. Man ißt dort wie in den besten Zeiten. Tausend Zloty muß man an ein Menü schon wenden; denn Kapaun, Ente, Gans, Hase, Pute, Rebhuhn kosten je Portion 500 Zloty. Auf dem polnischen 500-Zlotyschein sieht man die Lange Brücke nebst Krantor und Marienkirche von Danzig noch einmal in alter Schönheit...

Die Restaurants sind zum Teil sehr stark überfüllt Im „Bristol“ stiegen viele Dänen und Schweden ab, und sie, die so Verwöhnten, kamen dort reichlich auf ihre Kosten. Es gibt hier besseres Bier als in Skandinavien. Es kommt aus Danzig, wie ehedem. Es gibt auch besseren Kaffee und Butter in Hülle und Fülle. Schön des Morgens geht es los mit Eiern im Glas, dickstem gekochten Schinken, Käse, Café au lait. Allerdings gibt es auch fleischlose Tage. Dann ißt man eben Geflügel oder Spargel, über die der Kellner eine halbe Tasse zerlassener Butter kippt. 350 Zloty kostet der Spaß.