Von Martin Rabe

In Hamburg sind augenblicklich Werke von Paul Klee ausgestellt, von denen ein Teil schon vorher in Düsseldorf zu sehen war. Die meisten der gezeigten Bilder sind von der Klee-Gesellschaft in Bern zu diesem Unternehmen hergeliehen worden, und wir erfahren auf diese Weise nicht nur, daß es im Ausland eine Vereinigung gibt, die den Nachlaß dieses 1940 verstorbenen Künstlers erworben hat, sondern auch, daß Zu diesem Zweck in der Schweiz eine öffentliche Stiftung ins Leben gerufen worden ist, weil ja Paul Klee ein Deutscher war und daher alles, was ihm gehörte, also auch alles, was er geschaffen hat, nach einem der Schweiz auferzwungenen Vertrag der Beschlagnahme zugunsten der Alliierten verfallen wäre. Um dies zu verhindern, um die Bilder für die Schweiz zu retten, hat man seinem Werk nach dem Tode des Künstlers Schweizer Bürgerrecht verliehen. Man möge dies bitte nicht damit erklären, daß Paul Klee heute im Ausland der höchstbezahlte unter den modernen deutschen Künstlern ist. Die Gründer der Klee-Gesellschaft in Bern haben sich nicht von ökonomischen Beweggründen leiten lassen, sondern von dem Wunsch, das Werk dieses Künstlers zu bewahren und der Schweiz zu erhalten.

Es gibt in Deutschland, das ja infolge des Naziregimes mehr als zwölf Jahre lang von der Entwicklung der modernen Kunst abgeschnitten war, viele, die diese hohe Wertschätzung eines scheinbar so abseitigen Künstlers nicht begreifen können. Wir wollen von denen absehen, die gar nicht den Versuch machen, sich mit etwas zu beschäftigen, das nicht auf der platten Bahn des mühelosen Verstehens oder Mißverstehens liegt. Aber es begegnet uns immer wieder, daß wir gebeten werden, denen zu helfen, die gern bemüht wären, Verständnis zu finden für moderne Bilder, insbesondere für die Bilder von Klee, die aber den Weg dazu nicht finden können.

Nun, um es gleich zu sagen, was man von uns fordert, ist sehr schwer zu erfüllen – und zwar aus einem einfachen Grunde: alle Bilder von Klee leben viel stärker von der Farbe als dies sonst bei Werken der Malerei der Fall ist. Sie abzubilden, kann immer nur den Zweck haben, den Betrachter anzuregen, sich Originale des Künstlers anzusehen, wo immer er ihrer habhaft werden kann. Vielleicht kommt überhaupt der Widerstand gegen den Künstler zum Teil aus der Schwarz-Weiß-Wiedergabeseiner farbigen Werke. Dennoch bilden wir noch einmal ein Bild von ihm ab, um den Versuch zu machen, wenigstens eine Unterlage für eine erklärende Beschreibung zu geben.

Es scheint uns nämlich dieses Bild sehr typisch, und es dünkt uns auch, als könnte man an ihm leichter als bei anderen beschreiben, was den Maler bei seinem Schaffen bewegt hat. „Rhythmus der Bäume“ hat er es genannt, und was dargestellt ist, sind in der Form zur letzten „Primitivität“ vereinfachte nur aus kreisrunder Scheibe und Stiel bestehende Bäume und teils gerade, teils gebogene Streifen, auf denen sie stehen. Was ist das? Was soll es? Nun, hier müssen wir wohl zunächst daran erinnern, daß es so etwas wie einen „Baum“im eigentlichen Sinne überhaupt nicht gibt. Es gibt Kiefern, Eschen, Eichen und so fort, einen abstrakten Baum, der alle Eigenschaften aller Bäume enthält, gibt es nicht, und dies bedeutet, daß die gleichen Menschen, die sich gegen eine „abstrakte“ Malerei wehren, in ihrer Sprache unentwegt abstrakte Begriffe als gängige Münze für konkrete Gegenstände gebrauchen.

Wie nun, wenn ein Maler der Meinung wäre, er wolle dies darstellen, wovon wir alle zu sprechen pflegen, ohne darüber nachzudenken? Müßte er dann nicht, weil dies mit Mitteln der Vernunft gar nicht anzufangen ist, der Vernunft entsagen und sich ganz dem Gefühl anvertrauen? Seine Malerei also wird lyrisch werden (und dies ist ein sehr wesentliches Kennzeichen aller bildenden Kunst in Zeitaltern großer Umstürze). Man stelle sich einmal vor, jemand wolle den „Bäumen“ gerecht werden. Er kann nicht ein vollständiges Lehrbuch der Botanik malen, er muß eine Form finden, die alle Baumarten einschließt, und so wird er aus Liebe und Gerechtigkeit zu so etwas Simplem gelangen wie einen Ball mit einem Stiel darunter.

Dies läßt sich an Hand einer Photographie noch erklären, aber zu dem, was jetzt weiter zu sagen ist, kann eine Schwarz-Weiß-Wiedergabe nicht genügen. Bäume nämlich sind keine isolierten Wesen. Sie stehen in Wiesen, in Wäldern, an Chausseen, in Gärten und Parks, sie sind der Dürre unterworfen, tropischer Hitze, dem Meeresklima oder der Kälte der Tundra. Zu ihnen gehört das Rauschen der Bäche und Flüsse und das Steigen der Säfte. Paul Klee hat diesen ganzen Zusammenhang der Natur in den schmalen Kindern, die das Bild durchziehen, hauptsächlich durch die Farbe ausdrücken wollen, den Tau auf einer morgendlichen Wiese, das nächtliche Dunkel einer Hügelfalte, die augenblendende Helle eines Felsgebirges. All dies zusammenzufassen, bedeutet wieder: Abstraktion. Aber dies ist kein vernunftmäßiges Skelettieren, sondern der Versuch, vereinfachte Formen und eine Vielzahl von Farben zu finden, die das Gefühl verlocken, sich in die Ferne zu verlieren und um alles zu kreisen, was mit den Bäumen zusammenhängt, mit ihrer Blüte, ihrer Reife und ihrem Tod.

Wir haben den Versuch gemacht, ein einzelnes Bild von Paul Klee zu erklären. Wir wollen gleich sagen, daß es sich nicht mit allen seinen Werken so einfach verhält. Seine sehr innige und bezaubernde Lyrik ist, wie bei dem Dichter Morgenstern, gepaart mit einem sehr skurrilen Humor und auch mit einem Gefühl verbunden für das Grauen, das alle menschlichen Beziehungen begleitet. So ist es oft nicht einfach, ihn zu verstehen, aber wer sich darum bemüht, wird viel Poetisches finden, manches, was ihm die heutige Zeit erklärt, und immer eine besonders schöne Malerei.