Sartre-Aufführung im Berliner Renaissance-Theater

Als vor einem Jahr im Berliner Hebbel-Theater Sartres „Fliegen“ in Fehlings denkwürdiger Inszenierung über die Bühne ging, war noch die Möglichkeit zu einem Meinungsaustrag gegeben „Les mains sales“ im Renaissance-Theater treffen heute auf keine Diskussionspartner mehr. Die Kritiker der östlichen Presse mußten fernbleiben – und O. E. Hasses Striche am fernbleiben Manuskript hatten dieses dialektische Gefecht um Sinn und Wesen einer totalitären Partei und ihrer wechselnden Taktik umsonst zu einer handfesten wechselnden verkürzt. Ob es die Sorge vor dem heißen Boden Berlins war oder das Temperament eines theaterfreudigen Regisseurs – in dieser Form jedenfalls wurden Sartres „Schmutzige Hände“ mehr zu einem Sauber profilierten Sketsch um einen politischen Mord als zur grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des internationalen Kommunismus; als die das Stück über so viele andere Bühnen in der Welt gegangen ist.

Wer den jungen, aus bürgerlichem Milieu gekommenen Kommunisten gegen den kaltblütigen Parteiführer ankämpfen sieht, dem der Zweck alle Mittel heiligt – das des Kompromisses mit dem Feind wie das des Mordes am Freund – wer diese Auseinandersetzung zwischen der Idee wer Taktik, Dogma und Wirklichkeit verfolgt, wird feststellen müssen, daß über Gestalt und Wirken des Kommunismus, seiner menschlichen und geistigen Gewaltsamkeiten und seiner selbstmörderischen Praktiken nicht oft so unpolemisch und dabei messerscharf verhandelt worden ist. Dabei muß freilich das Verdikt um so härter ausfallen, weil es den Mörder wie den Ermordeten gleichermaßen trifft. Der von der Partei zum Mörder an dem von der „Linie“ abweichenden Parteichef bestimmte junge Revolutionär ist, aus der Gefängniszelle zurückgekehrt, für die Partei wieder unbrauchbar, weil inzwischen die „Linie“ des von ihm Ermordeten zur „richtigen“ avancierte. Der Konflikt zwischen Funktionärsein und Menschsein – wahrlich ein wesentlicher Konflikt dieses Jahrhunderts – ist das Thema dieses Spiels. Der vom Osten besetzte Teil Europas erkennt ihn wohl schärfer, aber auch fassungsloser, als der Westen, der noch auf der Jagd nach Nuancen ist.

Eine politische Affäre, die die Gemüter erhitzt hätte, wurde die Berliner Aufführung eben nicht, sie den Theaterspannungen mehr Liebe zuwandte als dem intellektuellen Gespräch – und Weil sie sogar die weiblichen Figuren, die Sartre Zur Belebung seines Ideenstücks eingefügt hatte, allzu pikant in den Vordergrund rückte, so daß das Drama bisweilen zur Gesellschaftskomödie entwertet schien. Doch die Inszenierung O. E. Hasses, die solches tat, konnte immerhin den sprachlich und darstellerisch überlegenen Walter Franck und Ernst Schröder, einen Spezialisten für gespaltene Typen (als jungen Zweifler und Revolutionär) einsetzen. Und sie hatte in Gundel Thormann ein luluhaft schillerndes Weibchen, in Tilly Lauenstein die dogmatisch-strenge Gegenspielerin zu bieten. Es war eine sehr konzentrierte Aufführung, die allerdings den Kenner des Sartreschen Textes nicht vergessen lassen konnte, daß es sich hier um die ernste dramatische Deutung eines unserer bewegendsten Zeitprobleme handelt. K. W.

Der österreichische Autor Fritz Hochwälder, 1911 in Wien geboren, 1938 in die Schweiz emigriert, gibt bei seinem Vordringen auch auf deutschen Bühnen dem Theater, was es an Spannung, Überraschungseffekten und Schlagkraft des Dialogs bedarf. Den Mangel an dichterischer Fähigkeit, aus seinen Figuren Menschen zu bilden, gleicht Hochwälder durch Gegenwartsnähe der Thematik aus, wie die beiden in Deutschland jüngst herausgekommenen Stücke Hochwälders „Der öffentliche Ankläger“ (Stuttgart, besprochen in der „Zeit“ ‚vorn 9. Dezember) und „Das heilige Experiment“ (Nürnberg, Stuttgart, Rheydt) beweisen.

In diesem Schauspiel vom Ende des südamerikanischen Jesuitenstaates 1767 zeigt sich kraß die ideologische Skrupellosigkeit, mit der im des Theatereffekts und einer sozialistischen Tendenz willen mit pseudo-„dichterischer“ Freiheit Historie verdreht und Institutionen denunziert werden. Denn in Hochwälders Sicht bringt die Kirche den von Voltaire als Triumph der Humanität gepriesenen Jesuitenstaat deshalb selbst zu Fall, weil es nicht Sache des Christentums sei, das Reich Gottes auf Erden zu errichten. Deshalb muß die beispielhafte Wohlfahrt Paraguays den spanischen Sklavenhändlern und Ausbeutern geopfert, der Platz der Kirche aber gegen Arne und Bedrückte an der Seite der Mächtigen und Grausamen bezogen werden. Über diese Interpretation breitet der Autor jedoch so viel fromm erscheinende Szenentünche, daß bei der Rheydter Inszenierung der regieführende Intendant Fritz Kranz in gründlichem Mißverständnis der ideologischen Tendenz zur Grundlage seiner Darbietung die geistliche Fassade machen konnte.

Moralisch-politischer Fragestellung und einem beherzten Griff in die Gegenwart begegnete man in Köln sogar auf der Opernbühne. An einem Einakterabend wurde nach der bekannten „Flut“ von Boris Blacher ein Sketch „Der Steinbruch“ von Friedrich Schmidtmann uraufgeführt. In wirksamer Mischung von Musik und Sprache, mit arioser Pathetik, ostinater Orchestertechnik, szenischen Rücksendungen und lehrstückhaftem Appell ans Publikum wurde am Schicksal eines Widerstandskämpfers vor Gericht die Frage aufgeworfen, ob man jeden Befehl eines Vorgesetzten ausführen müsse. Die Antwort überließ der Autor den Zuschauern. – Die zweite Uraufführung des von Matthias Bungart musikalisch und von Erich Bormann szenisch geleiteten Abends, an dem solistisch besonders Robert Blasius hervorragte, war eine lokalkölnische Faschingsangelegenheit: eine Buschiade „Die feindlichen Nachbarn“ von dem komponierenden Kontrabassisten des Gürzenichorchesters, Paul Breuer, der sein Instrument aus der letzten Reihe „unten“ hier zu einer szenisch derb und musikalisch im Orchester mit aller Bravour aufgezogenen Protagonistenrolle beförderte. Johannes Jacobi