Die gegenwärtige Stromkrise beruht auf dem Mangel an Kohle und Wasserkraft. Die Kapazität der westdeutschen Kraftwerke kann bei weitemnicht ausgenutzt werden, da von den insgesamt 6,1 Mill. kW installierter Leistung 3.66 Mill. auf der knappen Steinkohle und 1,06 Mill. auf der ebenso knappen Wasserkraft beruhen. Nur die Braunkohlen-Kraftwerke haben keine Rohstoffsorgen und können auf vollen Touren laufen. Aber ihr Anteil ist zu gering, um die Lücke schließen zu können.

Seit den dreißiger Jahren, sind an den Werken keine wesentlichen Erweiterungen durchgeführt worden, da man damals (aus strategischen Gründen!) eine weitere Konzentration der Energieerzeugung vermeiden wollte. Neue Braunkohlenkraftwerke wurden nur im mitteldeutschen Raum errichtet. In Süd- und Westdeutschland baute man Anlagen-auf Steinkohle und Wasserkraft auf.

Die Lage wird heute verschärft durch die Stromexporte. Der deutsch-französische Handelsvertrag hat eine Leistung bis zu 120 000 kW täglich festgelegt. Die Lieferungen an Belgien dagegen sind auf einen Bruchteil zusammengeschrumpft, seitdem die Bezahlung in Dollar erfolgen muß. Es bleibt abzuwarten, ob die Dollarklausel nicht auch die Lieferungen an Frankreich einschränken wird. Vorläufig jedenfalls ist die noch unbeglichene Stromrechnung schon auf 12 Mill. $ angewachsen.

Wenn im Augenblick auch die genannten Faktoren die Grenzen unserer Energieversorgung bestimmen, so ist doch bei steigender industrieller Beschäftigung der Zeitpunkt nicht mehr allzu fern, wo die vorhandene Kapazität nicht mehr ausreichen wird. Der Bau neuer Kraftwerke dauert aber viele Jahre und erfordert daher eine frühzeitige und langfristige Planung, die auf der zukünftigen Bedarfsentwicklung aufbauen muß. In dieser Hinsicht scheint das Ruhrsammelschienen-Projekt von ziemlich optimistischen Schätzungen auszugehen. In diesem von Dr. Bücher (früher AEG) und Dr. Schult (Steinkohlen-Elektrizitätswerk A.-G.) ausgearbeiteten Plan wird für die nächsten zehn Jahre eine Erhöhung der Kraftwerks-Kapazität von 6 auf 10 Mit kW vorgeschlagen. Davon sollen 2,3 Mit auf der Steinkohle installiert werden, 1,2 Mill. auf der Braunkohle und 0,5 Mill. auf Wasserkraft. Alle drei Zweige der Energiewirtschaft sollen also bei dem Ausbau berücksichtigt werden, Dagegen wird nun eingewandt, daß ein Kapazitätsausbau in diesem Umfange innerhalb der vorgesehenen Zeitspanne weder finanziell noch technisch durchführbar sei. Auch spricht man den angenommenen Bedarfszuwachs als zu hoch an.

Für die Braunkohle haben die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) alte Pläne wieder aufgegriffen. Vorgesehen sind Erweiterungs- und Neubauten mit einer Kapazität von insgesamt 1,3 Mill. kW und einer Erzeugung von 8 Mrd. kW jährlich. Im einzelnen sind an größeren Projekten eine Hochdruck-Vorschaltanlage für das Golden beig-Werk (340 600 kW), für das Kraftwerk Zukunft (70 000 kW) und für das Kraftwerk Fortuna II (120 000 kW) geplant. Zwei Kondensationskraftwerke mit je 300 000 k W Leistung sollen bei Frimmersdorf und Weisweiler errichtet werden. Mit dem Ausbau dieser beiden Werke und der Vorschaltanlage beim Goldenberg-Werk wurde bereits begonnen. Auch der Aufschluß neuer Gruben ist in Angriff genommen. Die Braunkohlenvorkommen in diesem Gebiet reichen, auch bei einer wesentlichen Fördersteigerung, noch für viele Jahrzehnte aus. Da die Erschließung der Felder im Tagebau vor sich geht, sind Abbau und Förderung stark mechanisiert. Der Arbeitermangel, der dem Ruhrbergbau so große Schwierigkeiten bereitet, ist für die Braunkohlengruben kein Problem. Gewisse Eigenschaften derRohbraunkohle zwingen, nun allerdings dazu, sie möglichst an Ort und Stelle zu verwerten. Ihr Heizwert ist nur etwa ein Viertel der Steinkohle, und ihr 54 v. H. Wassergehalt machen den Transport über weitere Strecken unwirtschaftlich. Mit Hilfe der Brikettierung, die ihren Heizwert verdoppelt, wird die Wettbewerbsfähigkeit der Braunkohle gewiß vergrößert; die größte Chance aber für sie, die Enge des lokalen Marktes zu sprengen, liegt in der Fernübertragung der Elektrizität. Ein gewaltiges Verteilernetz von 100 kV-Leitungen mit einer Gesamtlänge von 3800 km ist vorhanden. Die Hauptader dieses Verbundnetzes bildet die etwa 600 km lange Nord-Süd-Doppelleitung von Bludenz in Vorarlberg und Tiengen an der schweizerischen Grenze nach Brauweiler bei Köln, wo sich die Hauptschaltstelle befindet. Bei dem Bau dieser Doppelleitung wurde die Möglichkeit eines, späteren Übergangs auf eine Spannung von 400 kV berücksichtigt, so daß kostspielige Vorarbeiten bereits geleistet sind.

Überraschend ist diesem Braunkohlen-Projekt ein Rivale in dem genannten Ruhrsammelschienen-Projekt erstanden. Es wird vorgeschlagen, vorzugsweise die bestehenden (aber veralteten) Kraftwerke der Steinkohlenzechen zu modernisieren und 22 neue Werke mit einer Gesamtkapazität von 3 Mill. kW zu erstellen. Unter Berücksichtigung eines Eigenverbrauchs der Zechen von 1 Mill. kW sollen 2 Mill. für die öffentliche Versorgung verbleiben. Von der Ruhr soll also der Strom in einer Sammelschiene über das gesamte Bedarfsgebiet verteilt werden. Der unwirtschaftliche Kohlentransport zu ferngelegenen Kraftwerken würde damit vermieden und die Steinkohle, ebenso wie es bei der Braunkohle der Fall ist, an Ort und Stelle verfeuert. Wirtschaftlich ist das zweifellos ein Idealzustand, ob aber die Städte und die Industrie, deren Eigenerzeugung heute etwa die Hälfte des gesamten Energiebedarfs deckt, auf den Ausbau ihrer eigenen Anlagen verzichten werden, ist fraglich. Vorläufig jedenfalls liegen auch bei ihnen zahlreiche Projekte in der Schublade.

Der Plan der Ruhrsammelschiene ist im Zusammenhang mit den Bestrebungen des Steinkohlenbergbaus zu verstehen, seine Rentabilität nach gewonnener Verselbständigung auf eine breitere Basis zu stellen, und, neben der Kohle Veredelang, die Verwertung der Ballastkohle stärker zu pflegen; Die Kalkulation der Steinkohlenzechen wird maßgeblich von dem Sortenproblem beherrscht. Es kommt also nicht auf den Absatz der Kohle schlechthin an, sondern auf den Absatz jeder einzelnen Sorte. Die entscheidende Hilfe kann hier die Technik leisten, indem sie es den Zechen möglich macht, die jeweils absatzmäßig „notleidende“ Kohlensorte in den Eigenanlagen zu verwerten. Aber die Chance, die sich hier in der Kohlechemie bot, wurde früher ganz überwiegend der chemischen Großindustrie überlassen, während der Bergbau den Ausbau seiner Kokereien forcierte. Da auch die Verkokung heute ein Verlustgeschäft geworden ist, möchte der Bergbau in der Elektrizitätserzeugung den Ausgleich finden. In den Kraftwerken soll also vorzugsweise die bei der Kohlenwäsche anfallende Abfallkohle verwertet werden. Gleichzeitig verspricht man sich davon die Möglichkeit, minderwertige Flöze abzubauen, die bisher wirtschaftlich nicht genutzt werden konnten. Aber sicherlich ist es nicht mir die minderwertige Kohle, für die man Verwendung sucht; heute bereits reicht diese nicht einmal für die vorhandenen Zechenkraftwerke aus. die nur einen Bruchteil des öffentlichen Strombedarfs decken.