Für viele der heute lebenden Chinesen gilt, was in Schillers, „Wallenstein“ Octavio Piccolomini zu seinem Sohn sagt: Du hast den Frieden nie gesehen! Wann eigentlich begann; der Krieg). 1937, als die Japaner in Nord- und Südchina eindrangen? Oder 1927, als die fast zehn Jahre währende erste Phase der Kämpfe zwischen der Nationalregierung und den Kommunisten begann? Oder 1911 beim Sturz der Mandschu-Dynastie, dem jahrelange Bürgerkriege und Aufstände folgten? Es werden nicht mehr viele sein, die sich an Tage des Friedens erinnern und kaum einen Knaben oder Greis dürfte es geben, der nicht im Laufe seines Lebens irgendeine Waffe getragen hätte.

Ein wesentlicher Abschnitt in der Geschichte der Großmacht China, deren letzte Jahrzehnte so eng mit der tragischen Figur Tschiang Kai Scheks verwoben sind, geht in diesen Monaten ihrem Ende entgegen. Wird das neue Kapitel, in dem Mao Tse Tung und seine Gefährten die Hauptakteure sein werden, die alte Großmachtstellung Chinas im Fernen Osten wiederherstellen und wird sie, wenn dies gelingt, vom Politbüro oder von einem nationalkommunistischen Kraftzentrum bestimmt sein? Niemand vermag heute Antwort auf diese Fragen zu geben. Nur eines steht fest, die älteste Kultur unserer Welt wird dort allmählich Stück für Stück vernichtet: Bibliotheken sind verbrannt, Kulturdenkmäler und Tempel zerstört worden; die jahrtausendealte Kaiserstadt Peking, die eben einen Sonderfrieden abgeschlossen hat, lag sechs Wochen unter Feuer und große kommunistische Armeen rücken unaufhaltsam auf Nanking vor.

Staatspräsident und Generalissimus Tschiang Kai Schek hat sein Amt – wie er betont! vorübergehend – niedergelegt und ist ins Exil gegangen, um den Weg für Friedensverhandlungen mit den Kommunisten freizumachen. Er tat dies nach einer 21jährigen Regierungszeit, die alle Extreme der Laufbahn eines ungewöhnlichen Genius umschloß: den unsterblichen Ruhm eines überragenden Staatsmannes und die letzte Verzweiflung des geschlagenen Diktators, der sein Land mit in den Abgrund reißt. Schon einmal, im August 1927, hatte Tschiang sein Amt als Oberbefehlshaber der Kuomintangstreitkräfte niedergelegt und war außer Landes gegangen, aber bereits wenige Monate später hatte man ihn nach Nanking zurückgeholt, weil ohne ihn dort alles drüber und drunter ging. Tschiang hatte damals kurz zuvor im April 1927 die Trennung von der Nationalregierung vollzogen, weil diese immer stärker unter . kommunistischen Einfluß geriet; und hatte in Nanking die nationalistische Gegenregierung gegründet. Zu jener Zeit war seine Situation fast ebenso hoffnungslos wie am Ende des Jahres 1948. Der Norden und auch der Westen befanden sich damals nicht in seiner Hand, und in allen Provinzen Mittelchinas standen kommunistische Verbände

Zwanzig Jahre liegen zwischen diesen beiden einander ähnelnden Situationen – zwei Jahrzehnte, in denen Millionen Chinesen auf den Schlachtfeldern verbluteten und ungezählte weitere Millionen hungernd und heimatlos zwischen den Fronten hin und her getrieben wurden. Fast ist darüber die kurze Zeit wirtschaftlichen Blüte Mitte der Dreißigerjahre, als Tschiang Kai Schek kurz vor der Vollendung seines Lebenswerks zu stehen schien, wieder in Vergessenheit geraten. Der japanische Krieg unterbrach diese Entwicklung, und die Bestimmungen der Konferenz von Jalta setzten ihr endgültig ein Ende. Heute, vier Jahre nach Jalta, ist man wieder bei der Ausgangssituation angelangt, aber inzwischen ist die Verteilung der potentiellen Kräfte grundlegend anders geworden. Die chinesischen Kommunisten sind zu einer starken zentralistischen Macht zusammengewachsen, die Entwicklung hat ihnen das Gesetz des Handelns zugeschoben und schließlich kämpfen sie für eine Idee, während Tschiang Kai Schek eine zerbrechende Ordnung verteidigt Dff.