Die – Deutschlandpolitik der Sieger gleicht in vielem dem Versuch, zehn Jahre zu spät den Krieg von 1939 zu verhindern. Entsprechend ähnelt die Arbeit des Parlamentarischen Rates in Bonn dem Bemühen, dreißig Jahre zu spät eine gute Weimarer Verfassung zu entwerfen. Aber es gibt nun einmal keine auf Bis gelegte Geschichte. Der Krieg, gegen den man sich schützen muß, ist der nächste und nicht der vorige. Der Staat, den es zu bauen gilt, ist der kommende und nicht der vorletzte. Man ist heute nicht sehr wirklichkeitsnahe, wenn man einen deutschen Angriff auf Europa fürchtet. Und ebenso sollte es feststehen, daß es sich jetzt nicht darum handeln kann, dem Parlamentarismus erstmals eine Heimstätte in Deutschland zu schaffen. Die Episode Weimar ‚ist so tot wie die Epoche der deutschen Weltkriege. Das sind Binsenwahrheiten, aber es wird nicht nach ihnen verfahren

Offensichtlich sind die Ereignisse schneller als die Einsichten. Viele Politiker handeln so, als gehe es, Versäumnisse der Vergangenheit nachzuholen, und dabei versäumen sie die Gegenwart. In den vier Jahren seit der Kapitulation sind unentwegt Gelegenheiten verpaßt worden. Das Nachhinken der Politik hinter der Geschichte ist geradezu das Kennzeichen unserer Zeit. Wir werden uns in Deutschland darauf einzurichten haben, daß eine Lücke vorhanden ist zwischen dem, was geschieht, und dem, was geschehen müßte. Wir werden uns aber nicht damit abzufinden haben, daß die Lücke so groß bleibt, wie sie heute noch ist.

Die These von der deutschen Gefahr muß sich früher oder später totlaufen. Da wir tatsächlich ungefährlich sind, wird sich diese Wirklichkeit auf die Dauer durchsetzen und stärker sein als die Erinnerungen an den Hitler krieg. Deshalb hat es wenig Sinn, inzwischen an die Sieger heftige Worte zu richten, die in Wahrheit für den parteipolitischen Hausgebrauch bestimmt sind. Wir können es uns außenpolitisch nicht einmal leisten, auch nur in Worten gefährlich zu scheinen! Die große Politik darf kein Stammtisch sein, an dem sich Gefühle lärmend Luft machen. Sie ist kein Tummelplatz für Spießbürger, die nicht bemerkt haben, daß man vom heimischen Kirchturm aus nicht die ganze Welt überblicken kann. Es ist-, auch recht nützlich, daran zu erinnern, daß es eine Generationenfolge gibt. Vier Jahre nach Kriegsende sitzen in den Regierungen der meisten Siegerstaaten noch zahlreiche Männer, die schön im Kriege eine führende politische Rolle spielten. Und die wenigsten Kriegsführer sind geeignet, gute Friedensführer zu werden. Dahinter wartet eine jüngere Generation, die bereit ist, ihre Politik mehr auf gegenwärtigen Erlebnissen als auf Erinnerungen oder gar auf nur Gehörtem aufzubauen. Es ist bezeichnend, daß der Europagedanke in der Jugend am lebendigsten ist. Es stimmt hoffnungsvoll, daß die inoffizielle Europabewegung der offiziellen Europapolitik der Regierungen weit voraus ist.

Dieses Generationen problem besteht bei uns noch schärfer als in anderen Ländern. In Deutschland sind durch Krieg und Entnazifizierung die Zwischenjahrgänge besonders stark gelichtet worden, so daß sich die Generation der zu Jungen, der für den Staat noch nicht Reifen, fast unvermittelt an die Generation der zu Alten, der Restaurierten von Weimar, anschließt. Das ist ein sehr ungesunder Zustand, der eine weitschauende und zukünftige Politik, eine Politik des großen Wurfs fast unmöglich macht. Aber gerade weil der große Wurf fehlt, ist bei uns jene politische Lustlosigkeit entstanden, die man zwar beklagen kann, aber keinesfalls mit politischer Interesselosigkeit verwechseln darf. Wenn es zur Zeit so aussieht, als hätten wir eine Demokratie ohne Volk, so bedeutet das nicht, daß wir ein undemokratisches Volk sind. Wir sind nur ein Volk, das seine wahre Repräsentanz noch nicht gefunden hat. Das ist kein Endergebnis, sondern ein Zwischenstadium.

Zuviel Vergangenheit und zuwenig Zukunft, das ist die Überschrift über der deutschen Gegenwart. Wir können das dicht von heute auf morgen aus der Welt schaffen. Und wir müssen uns immer wieder sagen, daß die vier Jahre seit der Kapitulation keine Ewigkeit bedeuten, wie lange sie uns auch vorgekommen sein mögen. Diese vier Jahre haben nun einmal nicht genügt, um auf der Seite der Sieger den Krieg Hitlers in Vergessenheit zu bringen, um auf unserer Seite eine neue und zeitgemäße politische Generation hervortreten zu lassen. Aber diese vier Jahre haben immerhin genügt, um vom Morgenthau-Plan zum Marshall-Plan zu gelangen, um den Schritt von einem deutschen Vakuum zu einer deutschen Halbsouveränität vorzubereiten. Wie man das Halbe bewertet, das hängt davon ab, ob man es mit dem Nichts oder mit dem Ganzen vergleicht. Es liegt nicht immer im Sinne der realer. Politik, den Vergleich mit dem Ganzen, mit dem noch nicht Erreichten, in den Vordergrund zu rücken,

Die deutsche Halbsouveränität wird bis auf weiteres im Zeichen von vier Dokumenten stehen. Sie heißen: Ruhrstatut, Erlaß über die militärische Sicherheitsbehörde, Besatzungsstatut und deutsches Grundgesetz. Lord Henderson, Staatssekretär im Foreign Office, hat kürzlich vor dem britischen Oberhaus den engen sachlichen Zusammenhang dieser vier Dokumente betont. Die beiden ersten sind bereits in Kraft getreten, die beiden anderen werden im Lauf der nächsten Monate ihre Gültigkeit erlangen.

Lord Henderson hat in klugen und maßvollen Worten darauf hingewiesen, es sei die Politik der britischen Regierung, Deutschland allmählich zu einem gleichberechtigten Glied der europäischen Völkerfamilie werden, zu lassen. Er wandte sich sehr energisch gegen die von deutscher Seite geäußerte Vermutung, die Ruhrbehörde könne den Versuch darstellen, die deutsche Konkurrenz auszuschalten. Niemals werde sich die britische Regierung dazu hergeben, einen solchen Mißbrauch der Punktionen der Ruhrbehörde zuzulassen.