Die englischen und die amerikanischen CIO-Gewerkschaften haben auf der Pariser Sitzung des Exekutivrates des Weltgewerkschaftsbundes mit ihrem Antrag, die Tätigkeit des WGB für ein Jahr einzustellen, die Spaltung bewußt herbeigeführt. Die Entscheidung ist rein politisch und hat mit den strittigen Fragen der Gewerkschaftsorganisation, wie Einheitsgewerkschaften oder Industrieverbände, Zwangsgewerkschaften oder freiwilliger Zusammenschluß nichts zu tun. Die britischen, die amerikanischen CIO- und die holländischen Gewerkschaften haben ihren Austritt angekündigt, andere werden folgen. Die Gewerkschaften der Sowjetunion taten alles, um diesen Bruch zu vermeiden. Der Vorsitzende ihres Zentralrates, Kusnetzow, erklärte, als schon nichts mehr zu retten war, die Bereitschaft der sowjetischen Gewerkschaften, mit allen Gewerkschaftsverbänden – zusammenzuarbeiten. Der Generalsekretär des Weltgewerkschaftsbundes, Louis Saillaut, bemühte sich um eine Vermittlung. Aber die englischen und amerikanischen Gewerkschaften halten – wie es auf nationaler Basis ähnlich in Frankreich und Italien der Fall ist – die Frage für entscheidend, ob sie weiterhin einem kommunistisch beherrschten Weltgewerkschaftsbund die Möglichkeit geben sollen, sich als eine überparteiliche Organisation an die Arbeiter aller Länder zu wenden und in neutralem Gewande kommunistische Propaganda zu treiben. Sie wollen auch auf gewerkschaftlichem Gebiet offen und klar die Frage stellen: Für oder gegen den Kommunismus? Die Konstruktion einer neutralen Gewerkschaftsorganisation halten sie nicht mehr für tragbar. Anderseits forderte Louis Saillant, daß die Gewerkschaften alle Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit der Völker ausnutzen und nicht das Signal für die Aufspaltung der Welt geben sollten.

Diese Entwicklung kann nicht überraschen, sie entspricht der Zuspitzung im Ost-West-Konflikt und setzte schon mit der Bildung des Weltgewerkschaftsbundes im Oktober 1945 ein. Die amerikanischen AFL-Gewerkschaften lehnten damals den Beitritt ab, weil die Gewerkschaften eines demokratischen Staates nicht in einer Dachorganisation mit Feinden der Demokratie zusammenarbeiten könnten. Die Gewerkschaften der Schweiz und anderer neutraler Länder machten zwar zunächst mit, betonten aber damals schon, daß sie an den WGB nur glauben würden, solange die drei Großen der Welt einig seien. Sehr bald verzichteten sie auf jede Aktivität. Im Dezember 1947 ergriffen die amerikanischen AFL-Gewerkschaften die Initiative zur Gegengründung und forderten alle für den Marshall-Plan eingestellten Gewerkschaften zur Zusammenarbeit auf. Im März 1948 fand die erste Gewerkschaftstagung von 16 Marshall-Plan-Ländern statt Aus dieser Bewegung wird wahrscheinlich eine Dachorganisation der nichtkommunistischen Gewerkschaften entstehen. Die durch den Gegensatz der amerikanischen CIO- und AFL-Gewerkschaften gegebenen Schwierigkeiten sind weitgehend überwunden.

Eine solche Organisation würde dem Internationalen Gewerkschaftsbund der Vorkriegszeit entsprechen, dem die kommunistischen Gewerkschaften nicht angehört hatten. Fast 40 Millionen Mitglieder würde er zählen. Der WGB würde nach dem Austritt der nichtkommunistischen Gewerkschaften zahlenmäßig zwar stärker sein, aber die meisten der zu ihm gehörenden Gewerkschaften haben Zwangscharakter, sind staatliche Organisationen. Jedoch würden dem WGB künftig weiterhin nicht nur die Gewerkschaften des russischen Einflußgebietes angehören, sondern auch die führenden Gewerkschaften Frankreichs und Italiens, die chinesischen, andere asiatische und auch südamerikanische. So sprach sich der Vorsitzende des lateinamerikanischen Gewerkschaftsbundes, Toledano, eindeutig für den WGB aus. Die grundsätzliche Zustimmung des Exekutivausschusses zu den Aufnahmeanträgen der chilenischen, südrhodesischen, siamesischen, philippinischen und tunesischen Gewerkschaften zeigt, wie stark der Einfluß des kommunistischen WGB außerhalb Europas ist. Andererseits wird wohl der nichtkommunistische französische Gewerkschaftsbund Force Ouvrière seinen Antrag auf Aufnahme zurückziehen. W. G.