Wird der Brotpreis nun noch zu halten sein? Gibt es also eine Möglichkeit, die Verteuerung für das Einfuhrgetreide preismäßig „aufzufangen“, derart eine Erhöhung der Lebenshaltungskosten zu vermeiden, und damit der Alternative zu entgehen, entweder den Lebensstandard weiter absinken zu lassen oder aber durch Lohnerhöhungen die eben erst annäherungsweise erreichte Preisstabilität wieder verlieren zu müssen? Das sind die Fragen, die jetzt besorgt diskutiert werden, seitdem die Besatzungsbehörden entschieden haben, daß alle Einfuhren der Kategorie A künftig über den 30-Cents-Kurs abgerechnet werden sollen: zum vollen Weltmarktpreis (plus Fracht) also, anstatt wie bisher zu „gebundenen“ deutschen Inlandspreisen.

Gewiß ist das eine Maßnahme von größter Bedeutung; seit dem 20. Juni sind wir, die Regelung für die Festkonten und die Kreditrestriktionen allenfalls ausgenommen, vor keine Entscheidung der gleichen Rangordnung gestellt worden. Trotzdem (oder gerade deshalb) sollte man bemüht sein, einen kühlen Kopf zu behalten, ohne Bestürzung zu urteilen und auch nicht überstürzt zu reagieren. Denn noch besteht die Hoffnung, daß die Generäle Clay und Robertson einsichtig genug sind, mit der Neuregelung bis zum Ablauf des Erntejahres zu warten.

Auf den bisherigen Preisstand berechnet, bedeutet ein „Durchschlagen“ der Weltmarktpreise eine Mehrausgabe von etwa einer halben Milliarde Mark allein beim Importgetreide „frei Zollgrenze“. Diese Mehrausgabe müßte entweder in Form höherer Brotpreise von den privaten Haushalten getragen werden, oder aber in Form von Verbilligungszuschüssen von den öffentlichen Haushalten. Da die zweite Lösung mangels finanzieller Reserven kaum durchführbar erscheint, wird man um eine Brotpreiserhöhung nicht herumkommen, und diese wird ziemlich fühlbar ausfallen: denn nun werden die Bauern auf die von ihren Verbänden längst geforderte Brotpreiserhöhung bestehen, so daß sich also auch das Inlandsgetreide entsprechend verteuert. Dabei handelt es sich um eine weitere halbe Milliarde, für Getreide gerechnet.

Aber das ist noch nicht einmal alles! Kommt nämlich die Verteuerung schon jetzt, vor der neuen Ernte, dann müßten zwangsläufig auch Nachzahlungen auf das bisher im laufenden Erntejahr bereits abgelieferte Getreide erfolgen: auf jene Mengen also, die längst schon vermählen, verbacken, verzehrt und – was hier entscheidend ist – vom Verbraucher auch längst schon bezahlt worden sind. Der Staat kann also auf die Verbraucher nicht mehr zurückgreifen, sie nicht zur Tragung ihres Anteils an den Mehrkosten heranziehen; er muß die Nachzahlungen zur Gänze aus seiner Kasse zahlen. Wenn es zu einer Erhöhung der Inlandspreise kommt, muß diese nämlich mit rückwirkender Kraft erfolgen: weil es unmöglich ist, gleichsam eine Preisprämie an den Bauern zu zahlen, der sich der Ablieferungspflicht entzogen hat, und den zum Narren zu machen, der den behördlichen Anordnungen und dem ministeriellen Appell an Gewissen und Berufsehre gefolgt ist.

Deshalb bleibt nur eine Lösung: Vertagung des neuen Abrechnungsmodus bis zum neuen Erntejahr! Dafür spricht auch die Überlegung, daß man die Ergebnisse der Weltweizenkonferenz abwarten sollte. Wahrscheinlich ist bis dahin ein Exportpreis („Weltmarktpreis“) für Weizen festgelegt worden, mit dem wir besser zurechtkommen werden als mit dem heute gültigen, und der auch ein genaueres Kalkulieren der Einstandskosten ermöglicht, also die Bildung eines „Mischpreises“ für die verschiedenen Partien an Brot- und Futtergetreide, die uns im Laufe eines Jahres zugewiesen werden – was jetzt, kurzfristig, nicht möglich wäre. Dagegen spricht ... eigentlich nichts. Denn wenn auch noch so oft behauptet wird, daß der Abrechnungsmodus über den 30-Cents-Kurs die „Subventionierung“ des deutschen Verbrauchs durch den britischen und amerikanischen Steuerzahler beseitige und diesen entlaste, so ist das eben doch falsch. Es ist eine irrtümliche Auffassung, die auf einem ärgerlichen Denkfehler beruht. Denn an der wirklichen Bezahlung des Einfuhrgetreides in Dollar ändert sich nicht das geringste; diese Summen (und ihre Aufbringung) werden überhaupt nicht davon berührt.

Natürlich ist, wenn alle Ausfuhren, alle sonstigen Einfuhren zu 30 Cents abgerechnet werden, eine Ausnahmeregelung für Getreide auf die Dauer gar nicht aufrechtzuerhalten. Also, eines Tages muß der Anschluß an den Weltmarktstand hergestellt werden: nur sollte man den richtigen, den zweckmäßigen Zeitpunkt dafür wählen und nicht durch überstürztes Handeln unnütz Schaden stiften. Warum eigentlich jetzt die Eile? Da ist auf britischer Seite der Wunsch, das angebliche deutsche Lohndumping auszuschalten (wozu darauf hinzuweisen wäre, daß auch England einen „politischen“ Brotpreis hat). Seitens der Amerikaner aber besteht die Tendenz, zugunsten des Wiederaufbaus der westdeutschen Wirtschaft recht bald möglichst hohe DM-Erlöse aus den gestundeten Einfuhren der Kategorie A (und des ERP) verfüglich zu haben, um aus diesem – vorläufig noch leeren – „Spartopf“ gewisse vordringliche Investitionen finanzieren zu können, für die anderwärts teil Kapital aufzubringen ist. Im übrigen sind die Berater General Clays der Ansicht, daß die Verteuerung des Einfuhrgetreides durch Subventionen aufgefangen werden kann und soll, also nicht bi zum Brotpreis „durchzuschlagen“ brauchte. Abe wenn öffentliche Mittel hierfür vorhanden wären dann könnte man sie ja auch gleich als Investitionskredite ausgeben und brauchte also den Um weg über die Einfuhrverteuerung, um den „Spar topf“ aufzufüllen, einstweilen gar nicht zu gehen Umgekehrt aber ist es doch so, daß die Verbilli gungszuschüsse, die man braucht, um den Brot preis nach einer Verteuerung des Einfuhrgetreide auf seinem alten Stand halten zu können, nur an einer Stelle zu finden sind: nämlich in den Fonds, der aus den DM-Erlösen für die verteuerten Einfuhren gespeist wird ... Und da er wichtiger ist, die öffentlichen Haushalte (un. damit die Währung) gesund zu erhalten, alle Investitionen durchzuführen – so wird also falls die Abrechnung des Einfuhrgetreides zur 30-Cents-Kurs jetzt dekretiert werden sollte, de Ausweg sein, daß man die Investitionen vor läufig noch zurückstellt, die dafür vorgesehene: Mittel also zur Brotverbilligung verwendet...

E. T.