Von Wilhelm Backhaus

Ein merkwürdiges Volk, das wahrscheinlich unverändert bleiben wird, solange es überhaupt existiert.

John Howison

In der Weltpolitik gibt es manchmal Ereignisse von sensationeller Wirkung, die im Grunde nur wie grelle Reichen aus ihrer eigenen tieferen Bedeutung aufgestiegen sind. Ein solches, vielleicht durchaus mit Recht nervös registriertes Geschehnis war der vorjährige Wahlsieg der Nationalisten in Südafrika. Dr. Malan, Nachfolger Smuts’ – Vermutungen über das Ausscheiden der Union aus dem Empire – bedenkliche faschistische Eigentümlichkeiten des Programms: das waren die Sensationen, die um den Erdball eilten. Und eben jetzt, da es zu dem Blutbad zwischen Bantus und Indem kam, erregte die „diskriminierende Rassenpolitik der nationalistischen südafrikanischen Regierung“, den Unwillen der Weltöffentlichkeit.

Die tiefere Wirklichkeit, für die ein nationalistischer Ausbruch nur ein zeitweiliges Symptom sein kann, ist im Falle Südafrikas die Tatsache, daß der Bur, der „Afrikaaner“, der diesem Kontinent die ursprüngliche weiße Lebensform gab, sich endgültig durchgesetzt hat. Zum mindesten der Süden Afrikas wird im Sinne dieser Entscheidung bestimmt werden. Für den an der Psychologie der Kultur Interessierten ist daran das Bemerkenswerteste, daß eine der absonderlichsten Auseinandersetzungen der Weltgeschichte mit dem unwahrscheinlichsten der möglichen Ergebnisse geendet hat, und daß sich aus dem Hergang eine allgemeine Erkenntnis gewinnen läßt. Es ist eine eminent geistige, eine aus der gegenwärtigen Gefährdung allen geprägten Lebens heraus gestellte Frage, die man an die burische Geschichte richten muß, mag diese auch (was sie ist) so ungeistig wie nur möglich sein: wie konnte ein am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts 20 000 Menschen zählendes Volk dem assimilationsstärksten Weltvolk gegenüber nicht nur in der Eigenart seiner Lebensführung bestehen bleiben, sondern sogar über seinen ursprünglichen Bereich hinaus die Oberhand gewinnen?

Das große Epos des weißen Südafrikas beginnt im Jahre 1648. Damals strandete an der Tafelbai des Kaps der Guten Hoffnung das Schiff „Harlem“ der Holländisch-Ostindischen Compagnae. Die Die nach Holland zurückgekehrten Offiziere machten die Compagnie auf die Vorzüge des unfreiwillig entdeckten Landes aufmerksam, und 1652 wurde eine Expedition unter dem Arzt Jan van Riebeeck zum Kap entsandt, um dort eine Anlege- und Verpflegungsstation für die Ostindienfahrer einzurichten. Jan van Riebeeck ist auf diese Weise der Ahnherr der Afrikaaner geworden. Die neuen Siedler konnten sich jedoch keineswegs der Freiheit erfreuen, die Auswanderer zu ersehnen pflegen. Mit den friedfertigen Eingeborenen des Kaps, den Hottentotten, sollten sie ausschließlich den „Küchengarten“ des Durchgangshafens bepflanzen, für Frischfleisch sorgen, aber keinerlei Gewerbe treiben, das die Einfuhrmöglichkeiten oder gar irgendeinen Markt der Compagnie beeinträchtigt hätte. Eine gewaltige und auch symbolische Dornenhecke schloß die Siedlung gegen das Innere des Kontinents ab.

Diese Begrenzung war auf die Dauer nicht nach dem Sinn der holländischen Kolonisten. In immer größerer Zahl gingen sie über den abgesteckten Bezirk hinaus in die unbegrenzte Freiheit des „Velds“, um dort das halbnomadische Leben von Viehzüchtern, von Vieh-Buren zu führen. Die Landschaft derSavanne, der bergigen Steppe, der Karoo, war hart und karg. Das Leben selbst primitiv aber großzügig. Die geringen Bedürfnisse wurden aus eigener Arbeit befriedigt, und fahrende Händler führten Waffen (den „Achtpfünder“, der auch der Begegnung mit einem Rhinozeros gewachsen war), Tuche, Kaffee (ein schwacher Punkt der Burin), Zucker und dergleichen heran. Alle geistigen Bedürfnisse erschöpften sich in einer streng orthodoxen calvinistischen Religion, und deren karge Stärke ergab zusammen mit der äußeren Kargheit einen einheitlichen Grundklang, eine Grundstruktur des Lebens, die man als höchst bedeutsam näher erkennen muß.