Von Paul Heinz Wantzen

In der Doppelzone leben zur Zeit 7,3 Millionen Neubürger und von ihnen 275 000 noch immer zusammengepfercht in Lagern, der Rest meist in völlig unzureichenden, sehr oft menschenunwürdigen Notquartieren. Für diese Menschen Wohn- und Arbeitsräume zu schaffen ist nicht minder dringlich, als die Millionen der Ausgebombten, Evakuierten und Jungehepaare „unter Dach und Fach zu bringen“. Wer aber einen Blick in das Bauprogramm der Landesregierungen und Baugenossenschaften tut, wird sich, sehr schnell errechnen können, daß dieses Ziel mit den bisher gebräuchlichen Baumethoden nicht zu erreichen ist, weil alle altgewohnten, man dar! ruhig sagen: altmodischen Verfahren viel zu umständlich sind, da sie zuviel Rohstoffe, Arbeitskräfte, Zeit und Geld verlangen – Voraussetzungen, über die wir nach zwei verlorenen Kriegen gar nicht mehr verfügen.

Sollen also nicht Millionen den Traum von einer gesunden und ausreichenden Behausung ganz aufgeben müssen, so sind wir zur fabrikmäßigen Herstellung praktischer, weil bis in die letzten Einzelheiten gut durchkonstruierter und bei aller Zweckmäßigkeit formschöner Häuser gezwungen. Mit den kleinen Notbehelfen der heute so zahlreich angepriesenen „mangelstoffsparenden Schnellbaumethoden“, mit Formsteinen, Platten, Torf- und Lehmbauweisen kann keine grundlegende Lösung dieses Problems erzielt werden und auch die sorgsamste Trümmerverwertung ist nur Flickarbeit. Es geht nicht mehr darum, „umzulernen“, es gilt, ganz neu zu denken.

Nicht der Architekt wird im kommenden Bauwesen die wichtigste Rolle spielen, entscheidender Träger dieser neuen Entwicklung wird der Ingenieur sein müssen. Es soll damit nichts gegen unsere vielen und zum Teil ausgezeichneten Architekten gesagt sein und auch nichts gegen den deutschen Bauhandwerker, der sich in der Welt eines ausgezeichneten Rufes erfreut. Beide wird man auch in Zukunft brauchen, und sie werden eher über zu viel als zu wenig Arbeit zu klagen haben; alle, denen dazu die Mittel zur Verfügung stehen, müssen und sollen in der alten, individuellen Form des „Hauses nach Maß“ weiterbauen.

In England und Amerika hat die Revolution im Bauwesen, die völlige Umwälzung in den Baumethoden schon seit Jahren mit großem Erfolg stattgefunden. In Deutschland fehlten bisher Muster und Erfahrungen, und daher war auch die Umstellungsbereitschaft des größten Teiles der Bevölkerung nicht vorhanden, die noch immer im stolzen Backsteingiebelhaus mit Erkern und Balkonen das Ideal erblickte. Der ländliche und kleinstädtische Wohnungssuchende in England und den USA, vor allem aber der Siedler kennt die fabrikmäßig hergestellten und in achtundvierzig, ja in vierundzwanzig Stunden an Ort und Stelle auf das meist vorbereitete Fundament montierten, sofort bezugsfertigen Häuser seit Jahren. In den USA gibt es etwa 60 Fabriken für diese Häuser, bei denen man nach dem Katalog bestellen kann. Man ist dort auch bereit und in der Lage, individuelle Sonderwünsche zu berücksichtigen. Auch in England wundert sich niemand mehr, wenn die Regierung 20 000 oder gar 50 000 Häuser eines bestimmten Typs in Auftrag gibt, die dann nach der Montage vorgefertigter Teile in wenigen Stunden bezogen werden können.

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich dabei eingeschossige, in der Form an Baracken erinnernde Aluminiumhäuser, die zum Teil mit eingebauten Einrichtungsgegenständen, so bei den Küchen, auf vier Spezialwagen von der Fabrik heranrollen und mit einem Kran ohne besondere Fundamentierung so schnell zusammengesetzt werden, daß man zusehen kann. Auch der einzige bisher auf Grund seiner gründlichen Vorarbeiten und praktischen Erprobung ins Gewicht fallende deutsche Unternehmer dieser Art, Professor Messerschmitt, begann – wohl weil ihm und seinen Mitarbeitern dieses Metall vom Flugzeugbau her besonders lag – mit Häusern aus Aluminium, mußte dann aber neue Wege und Materialien suchen, weil wir nun einmal nicht über genügende Mengen dieser Legierung verfügen. Sein Plan, ein dreistöckiges Wohnhaus für vier Mietparteien aus Porenbetonbauplatten zu errichten, scheitert vorläufig daran, daß die Häuser nur von Spezialarbeitern zusammengesetzt werden können und die Herstellungskosten noch sehr hoch sind.

Es ist aber durchaus möglich, durch geeignete physikalische und chemische Behandlung von Baustoffen, die uns für jeden Bedarf in ausreichenden Mengen zur Verfügung stehen, die Vorbedingungen für einen großzügigen, fabrikmäßigen Häuserbau zu schaffen. Verschiedene Mischungen mit neuartigen Zusätzen und speziellen Bindemitteln, deren Hochwertigkeit genau untersucht und von der Wissenschaft bescheinigt wurde, werden die Baustoffe der Zukunft sein, Sie übertreffen teilweise sogar in der Wärme- und Schalldämpfung, der Druck- und Biegefestigkeit die heutigen Baustoffe. Der Ausfall von Mörtel und Zement macht jedes Austrocknen überflüssig, und so sind auch diese Häuser sofort nach der Montage bezugsfertig. Beim gegenwärtigen Neubau des Kölner Funkhauses macht man sich diese Erfahrungen bereits nutzbar, Beachtlich ist bei dem dort angewandten Verfahren vor allem die um das Fünffache abgekürzte Bauzeit, doch ist das nur eine Vorstufe für die Bauweise der Zukunft.

Entscheidend aber wird vor allem die Tatsache sein, daß bei fabrikmäßig hergestellten Häusern der Kubikmeter umbauten Raumes, der bei den alten Verfahren mindestens vierzig DM, heute aber oft noch mehr kostet, für zwanzig DM und unter günstigen Bedingungen sogar für fünfzehn DM zu schaffen sein wird. Nur solche niedrigen Preise werden uns die Möglichkeit geben, – Siedlungen in größerem Umfange zu errichten und darüber hinaus auch gute und billige Wohnstraßen in unseren Städten und Vororten herzustellen.