Am 24. Januar kommt Hitler, der sich außerhalb Berlins befunden hat, dorthin zurück. Am Abend dieses Tages legt ihm Göring Akten vor, und zwar, soweit man dies heute übersehen kann, gleichzeitig solche über Frau von Blomberg und den Generalobersten von Fritsch. Beide enthalten Anschuldigungen bestimmter sittlicher Verfehlungen. Göring also ist es, der offiziell den Stein ins Rollen bringt und der zum selben Zeitpunkt die Krise um Blomberg und um Fritsch auslöst! Am nächsten Tag geschieht anscheinend nichts. Es ist zu vermuten, daß die verschiedensten Besprechungen stattgefunden haben und es der 25. ist, an welchem sich Hitler über seine weiteren Maßnahmen klar wird. Unter anderem spricht er ausführlich mit Hoßbach und weist diesen an, Fritsch für den 26. in die Reichskanzlei zu bestellen. Dabei verbietet er ihm ausdrücklich, dem Generalobersten irgend etwas über den Grund dieser „Privataudienz“ oder über die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen zu sagen. Hoßbach setzt sich über diesen Befehl hinweg und unterrichtet den völlig überraschten Fritsch darüber, was ihn in der Reichskanzlei erwartet. In tiefem innerem Zorn geht dieser am Abend des 26. Januar dorthin und wird von Hitler im alleinigen Beisein Görings empfangen. Und nun geschieht das Unerhörte.

Hitler eröffnet Fritsch unter Hinweis auf die ihm vorliegenden Akten, daß gegen ihn sehr substantiierte Anschuldigungen wegen Vergehens gegen den Paragraphen 175 vorliegen. Fritsch weist diese Vorwürfe auf das entschiedenste zurück. Da läßt Hitler aus einem anderen Raum einen Mann eintreten und fragt ihn, ob er in Fritsch denjenigen wiedererkenne, von dem in seinen Aussagen die Rede sei. Dieser Mann heißt Schmidt und ist ein gewerbsmäßiger Erpresser. Ohne zu zögern, bestätigt er die Frage Hitlers-Fritsch gibt sein Ehrenwort, daß alles, was Schmidt vorgebracht habe, vollständig erlogen sei. Hitler nimmt dies Ehrenwort nicht an und gibt damit zu erkennen, daß er einem Lumpen mehr glaubt als dem Oberbefehlshaber des Heeres...

Die sehr wahrscheinlich gewordene Möglichkeit einer absichtlichen oder unabsichtlichen Personenverwechslung bei gleichzeitiger Richtigkeit des sonstigen Vorfalls wird in der Untersuchungsführung des Reichskriegsgerichts immer wieder erörtert. Alle Bemühungen in dieser Richtung haben freilich bisher kein greifbares Ergebnis gehabt. Als eines Tages Dr. Kanter, der in seiner Eigenschaft als Vertreter des Heeres bei den Vernehmungen der Gestapo mit dieser eine verhältnismäßig enge Fühlung hat, bei dem Kriminalinspektor Fehling, dem hauptsächlichsten Assistenten Meißingers, hinsichtlich dieses Punktes behutsam vorfühlt, erhält er die Bestätigung zur Antwort, daß Schmidt gelegentlich in anderen Fällen gewisse Namensänderungen und Titelverbesserungen seiner „Partner“ vorgenommen habe. Diese dem Gestapobeamten anscheinend versehentlich herausgerutscht. Äußerung bestärkt Untersuchungsführer und Verteidiger in der Überzeugung von der Richtigkeit ihrer Ansicht. Es ist eine dem erfahrenen Kriminalisten seit langem bekannte Erscheinung, daß gerade solche Verbrecher, vielleicht aus einer Art „Berufsstolz“ heraus, dazu neigen, sich ihrer Erfolge zu rühmen und dabei – um den nötigen – Nachdruck zu geben – übertreiben und gewissermaßen „Aufwertungen“ durchführen. Aus den zahlreichen Akten über zurückliegende Fälle lassen sich Anhaltspunkte hierfür auch bei Schmidt finden, und auch die angebliche Verwechslung Graf Goltz – Dr. Goltz kann als solche Aufwertung angesehen werden-

Bei den Versuchen, diese theoretische Annahme im Fall Fritsch durch das Erbringen entsprechender Beweise zur Tatsache umzuwandeln, zerpflückt der Untersuchungsführer, unterstützt von dem Verteidiger, immer wieder die Darstellung des Schmidt, um bisher noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten zu entdecken.

Da kommt Dr. Biron in den letzten Tagen des Februar auf. den Gedanken, den Teil des Ereignisses, welcher von dem Erpresser in seiner Schilderung in den Wartesaal Lichterfelde verlegt worden war, genauer zu prüfen – die Übergabe des Schweigegeldes nämlich. Ist es nicht möglich, daß irgend jemand dies zufällig beobachtet hat und sich daran erinnert? Ist es nicht möglich, daß der geheimnisvolle „Herr X, der an Stelle von Fritsch beteiligt gewesen ist – immer die Richtigkeit der These von der Personenverwechslung vorausgesetzt –, irgendeine Beziehung zu dem Wartesaal gehabt hat, vielleicht als häufiger Gast, und deshalb diesen Ort für das Treffen mit Schmidt vorgeschlagen hat? Ist es schließlich nicht möglich, daß der Wirt oder die Angestellten des Wartesaals Anhaltspunkte geben können, die weiterführen?

Trotz aller Sorgfalt in den Ermittlungen scheint diese Hoffnung fehlzuschlagen, bis zuletzt die Wirtin sich dunkel erinnert, daß gelegentlich ein ehemaliger Offizier in Begleitung einer Dame im Wartesaal verkehrt habe. Sie meint, daß er möglicherweise dem Generalobersten von Fritsch nicht unähnlich sei. Er wohne nicht sehr weit vom Bahnhof, vermutlich sogar in der von Schmidt angegebenen Straße!

Dr. Biron beschließt daraufhin sofort, die Straße und ihre Bewohner über die bereits untersuchten Häuser hinaus und in der gleichen Art und Weise wie diese überprüfen zu lassen. Dem Verteidiger wird dies Ergebnis und die Absicht sogleich mitgeteilt.