Unter den Psychotherapeuten unserer Tage ist der einstige Theologe Dr. Johannes Neumann, der seine heilende und helfende Tätigkeit als praktischer Psychologe in erster Linie Studenten (zum Beispiel mit Examensangst) gewidmet hat und widmet, eine der sympathischsten Gestalten. In mehreren Schriften wandte er sich an Pfarrer und an evangelische Laien. Sein umfangreiches, kluges und klares Werk "Leben ohne Angst" erschien 1937 in Holland und 1938 im Hippokrates-Verlag, Stuttgart, der nunmehr eine veränderte Neuausgabe vorlegt. Neumann darf darin wieder seinen Meister Alfred Adler nennen und sich zur Individualpsychologie dieses großen Seelenkenners bekennen.

Vor anderen Werken ähnlicher Art zeichnet sich das Buch durch seinen Reichtum an einleuchtend kommentierten Alltagsbeispielen aus. Großartige Formulierungen wie "Zwei Frauen sind weniger als eine" oder "Erziehung Beispiel und Liebe" prägen sich ein. An die massiven Kernneurosen scheint Neumann mit seiner Methodik nicht heranzukommen, wohl aber weist er edle, echte und bewährte Wege zur Überwindung der Angst. Der Untertitel "Psychologische Seelenheilkunde" begrenzt den Leserkreis vielleicht zu eng: gerade Eltern, Pädagogen und solche, die selber angstkrank sind, sollten das praktisch außerordentlich brauchbare, flüssig und ohne künstliche Gelehrsamkeit verfaßte Buch lesen, das manchem besser helfen wird als sogar eine ärztliche Behandlung. Die Erbsünde der Psychotherapie, die Kompetenzüberschreitung,verunziert jedoch leider auch diese sonst so erfreuliche Veröffentlichung: die seitenlangen Verunglimpfungen des Arztes und Gottesmannes Heinrich Jung-Stilling, die sich auf Hans R. G. Günthers gehässiges und wenig kluges Jung-Stilling-Buch stützen, gehören weder thematisch noch dem Niveau nach in Neumanns Buch. Sie sind unerquicklich zu lesen und laufen auf ein Theologengezänk hinaus, das gerade ein so christlich gesonnener Autor besser vermieden hätte, insbesondere, da der Angegriffene, bereits seit länger als 130 Jahren tot ist und keinem modernen Menschen irgend etwas zu Leide tut.

Herbert Fritsche