Von Max Schnetzer

Der ehemalige Botschafter Rudolf Nadolny befindet sich zur Zeit in Bonn. Da bekannt ist, daß er eine Zeitlang gute Beziehungen zur russischen Besatzungsmacht pflegte, hat seine Anwesenheit zu lebhaften Gerüchten und Kombinationen Anlaß gegeben. Wir bringen daher im folgenden ein Interview, das er unserem Spezialkorrespondenten vor seiner Abreise in Berlin gewährt hat. Inzwischen hat er in Bonn mit westdeutschen Politikern gesprochen.

Wir stehen in dem weiträumigen Arbeitszimmer des fünfundsiebzigjährigen, aber immer noch jugendlich elastischen ehemaligen Botschafters. Man braucht nicht lange zu rätseln, was für einen Beruf der Gastgeber wohl ausgeübt habe. Auf den Bücherregalen stehen Bild an Bild, die Photographien von Staatsoberhäuptern, Prinzen und Außenministern fremder Länder. Da sind beispielsweise Atatürk und Litwinow, und die Widmungsaufschriften leuchten hinter dem Glas, als ob sie frisch geschrieben wären. An diesen Bildern kann man geradezu die diplomatische Laufbahn ablesen. Nadolny war Leiter des Präsidialbüros unter Hindenburg, Gesandter in Stockholm (nach dem ersten Weltkrieg) und Chef der deutschen Delegation bei der Genfer Abrüstungskonferenz. Das waren jedoch nur Episoden im Vergleich zu Nadolnys Tätigkeit in östlichen Ländern. Er war als junger Diplomat in Petersburg, Persien, Bosnien und Albanien. 1917 wurde er Leiter der Abteilung Osteuropa im Auswärtigen Amt und als solcher Mitglied der deutschen Delegation bei den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk.

Seit 1924 war Nadolny dann Botschafter in Ankara, und er benutzte diesen Posten, um Fäden nach Moskau zu spinnen. So war es nicht verwunderlich, daß Hitler gerade diesen Mann als, den ersten Botschafter des Dritten Reiches beim Kreml akkreditieren ließ. Dazu sagt Nadolny: „Zwischen Moskau und Berlin waren damals die ersten Spannungen aufgetreten, und ich hatte die Aufgabe übernommen, das Verhältnis wieder zu normalisieren. Mich leiteten ganz bestimmte Vorstellungen, daß ich gegen alle Übung selbst eine schriftliche Instruktion entwarf und sie von Hitler unterzeichnen ließ. Ich dachte an einen Ausbau des Berliner Paktes von 1926, etwa dem entsprechend, was 1939 dann zustande kam, nur mit dem Unterschied, daß ich nicht, wie Ribbentrop, einen reinen Zweckpakt mit seinen Hinterhalten wollte, sondern ein Abkommen, dessen wesentlicher Teil nicht die Paragraphen, sondern das organisch gewachsene gegenseitige Vertrauen sein sollte. Litwinow und ich hatten im Frühjahr 1934 lange Gespräche, und ich ging mit allen Unterlagen für eine fruchtbringende Verständigung nach Berlin, um alles für den Abschluß des Paktes vorzubereiten. Aber die Partei lehnte jedes Abkommen mit Moskau ab, und Hitler fügte sich diesem Willen. Als der damalige Außenminister, Freiherr von Neurath, Hitler nicht umzustimmen vermochte, trat ich von meinem Posten zurück. Damit war ich bei Hitler in Ungnade gefallen. Später wurde mit sogar ein Redeverbot über außenpolitische Fragen auferlegt“. Über diese und andere Vorgänge wurde Nadolny 1945, nach dem Einmarsch der Roten Armee, durch sowjetische Kommissare mehrere Male vernommen.

Unser Gespräch ist schon mehrere Male unterbrochen worden, weil Nadolny selbst die Türe öffnet, wenn es klopft. Ob ich will oder nicht, höre ich die laute Begrüßung mit an. Es schwirrt von diplomatischen Titeln. Der Botschafter erklärt mir die Sache: „Ich habe junge Freunde zu einer kleinen Konferenz eingeladen.“ Man-sagt diesem Nestor der deutschen Diplomatie nach, er sei dabei, mit unbelasteten ehemaligen Angehörigen des Auswärtigen Amtes eine neue diplomatische Organisation, ein sozusagen noch privates Auswärtiges Amt des künftigen Deutschlands aufzuziehen. Die Gerüchte scheinen zuzutreffen. Ich spreche ihn daraufhin an, und er erwidert, jedes Wort abwägend: „Ein zerschlagenes Volk hat nur eine Wahl: das Beste aus den Umständen zu machen. Dieses Beste ist, ganz ohne Pathos gesagt, die deutsche Einigkeit. Mich beunruhigt der krasse Egoismus der politischen Parteien. Von der wirklichen Demokratie kennen sie im ganzen nur die Routine, nicht das innere Wesen. Sie streben in erster Linie nach der Macht, nach dem Absoluten, und sie vergessen, daß Macht selbst den, der guten Willens ist, zum Mißbrauch verführt und die bösen Extreme, die verderblichen Einseitigkeiten fordert. Demokratie, so meine ich, ist Diskussion oder, anders gesagt, der schier unbedingte Wille zur Sachlichkeit, Duldsamkeit und uneigennützigen Zusammenarbeit, kurzum – zum gemeinsamen Werk, das nur ein großes Ziel haben darf: Deutschland aus dem materiellen und moralischen Zerfall herauszuführen.“ Die Weimarer Republik bezeichnet Nadolny als das blutlose Geschöpf eines professoralen Geistes von verblüffender Lebensfremdheit. Das veranlaßt mich zu der Frage: „Wenn Sie die Parteien ablehnen, wie wollen Sie dann behaupten, Sie seien Demokrat?“ Da erwidert er lebhaft: „Ich bin es, und zwar unbedingt, aber ich halte die Parteienherrschaft, wie sie zwischen 1918 und 1933 bestand, für ein Unglück, und wir sind auf dem besten Wege, es neuerdings heraufzubeschwören. Was wir in Deutschland brauchen, das ist eine Demokratie nach amerikanischem Muster. Sie gibt einer Partei die klare Überlegenheit und bürdet ihr zugleich die weithin sichtbare Verantwortung auf. So, glaube ich, könnte der Durchschnittsdeutsche am ehesten zu einer gesunden Urteilsfähigkeit in politischen Dingen gelangen.

Ich knüpfe von neuem an die Laufbahn des Botschafters an und versuche, ihn mit der Frage zu reizen: „Sie haben 1934 eine enge deutschrussische Zusammenarbeit befürwortet, und Sie versuchen jetzt, die jungen Diplomaten mit brauchbaren Grundsätzen für die künftige deutsche Außenpolitik auszustatten. Soll das bedeuten, daß Sie wiederum mit dem Osten paktieren wollen?“ Und ich füge hinzu: „Man hält Sie für russophil“. Er spricht, als ob er Zeit gewinnen wolle: „Muß ein Mann, dessen Vorfahren seit 500 Jahren in Ostpreußen zu den heute vertriebenen Grundbesitzern gehörten, unbedingt russophil sein? Wäre nicht gerade das Gegenteil wahrscheinlicher?“ Und lebhafter: „Deutschland wird – anders als nach dem ersten Weltkrieg – keine Großmachtrolle mehr spielen können. In diesem Sinne gehört, der imperialistische Ehrgeiz der Vergangenheit an. Zwischen den gewaltigen Reichen der Welt, die heute Amerika und Sowjetunion heißen, gibt es keinen beherrschenden Platz mehr. Schon England hat alle Mühe, sich als dritter zwischen den gigantischen Kolossen behaupten zu können. Soll Deutschland sich dem einen oder anderen anschließen? Das wäre nicht ratsam. Solche Anlehnung endet in der Regel damit, daß der schwächere Teil sich dem Stärkeren unterwirft. Deutschland kann sich aber den Luxus einer Stellungnahme für die eine und gegen die andere Machtgruppe nicht mehr erlauben. Das Naheliegende für die künftige deutsche Außenpolitik ist die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zu allen Nachbarn, zu denen, jedenfalls machtpolitisch gesehen, auch die beiden Kolosse zählen. Deutschland braucht – wiederum im stärksten Gegensatz zu der Zeit nach dem ersten Weltkrieg – Jahrzehnte der ruhigen Entwicklung, um imstande zu sein, durch sachliche Arbeit auf geistigem Gebiet die breit klaffenden Lücken aufzufüllen, die materiellen Zerstörungen zu beseitigen und ein gesundes Nationalbewußtsein zu gewinnen. Wer es mit Europa gut meint, der ist bereit, die deutsche Not jetzt, bald vier Jahre nach dem Zsuammenbruch, zu beenden, damit die bösen Geister, die gemeinhin als Neonazismus bezeichnet werden, nicht überhand nehmen können. Nicht alle, die sich zum Beispiel gegen die Wegnahme von großen und kleinen Stücken deutschen Gebietes im Osten und Westen wenden, sind Nationalisten. Aber die lange Demokratie kann sich gegenüber den üblen Elementen schlecht behaupten. Man sollte doch etwas mehr aus der Geschichte lernen, als es bisher geschehen ist. Dann dürfte man beispielsweise nicht vergessen, daß Hitler von den alliierten Mächten alles das und noch erheblich mehr zugestanden bekam, was man einem so ernsthaften Wegbereiter der europäischen Verständigung wie Stresemann versagte.“

„Es ist also nicht richtig“, werfe Ich ein, „daß Sie nach dem Westen gehen wollen, um dort in russischem Auftrag deutsche Persönlichkeiten für einen Pakt mit der Sowjetunion zu gewinnen?“ Nadolny winkt ungeduldig ab. „Kein vernünftiger Mensch denkt an einseitige Bindungen – ich habe es schon gesagt – so lange nicht eine der beiden Machtgruppen unsere wirtschaftliche und politische Versklavung verewigen will in so extremer Weise, daß die nackte Not uns zwingen würde, einen Ausweg nach der anderen Seite hin zu suchen. Das aber würde für Deutschland und Europa ein tödliches Unglück sein.“ Meine Reise in den Westen dient dem Zweck, eine überparteiliche Aktionsgemeinschaft zu schaffen. Vertreter aller Schichten, Parteien und Zonen sollen an dieser Verpflichtung zur sachlichen Leistung teilnehmen. Meines Erachtens ist dies der einzige Weg-, um Deutschland abseits der machtpolitischen Tendenzen wieder zu einem Ordnungsstaat zu machen. Das ist eine Leistung nicht gegen, sondern für Europa.“

„Im deutschen Volke“ – so schließt Nadolny die Unterredung ab – „sind heute die Geister des Friedens und der Verständigung stärker als in irgendeiner früheren Epoche der deutschen Geschichte. Diese Überzeugung allein gibt mir den Mut, an die deutsche Zukunft zu glauben und an die europäische zugleich.“