Eine gewisse Popularität hat der Dichter Hugo von Hofmannsthal, dessen Geburtstag sich in diesen Tagen zum fünfundsiebzigsten Male jährt, einmal als Autor der Versdramen „Der Tor und der Tod“, „Der Tod des Tizian“ und „Der Turm“ genossen. Und ein internationales Forum findet seit langen Jahren sein „Salzburger .Welttheater“, das berühmte Spiel von Jedermann, das Max Reinhardt zuerst, vor der Kulisse des Salzburger Doms inszenierte und in dem Alexander – Moissi eine seiner stärksten schauspielerischen Leistungen zu bieten hatte. Sodann kennt die musikalische Welt Hofmannsthal als Textdichter einer Reihe der bedeutendsten Opern von Richard Strauß – vor allem der beliebtesten: des „Rosenkavalier“. Trotz alledem war sein ihm früh und schnell zugeflogener Ruhm schon beinahe verblichen, als der Dichter 1929 starb. Aber der Ruhm lebte wieder, auf und rankt sich heute vor allem um das novellistische Werk, in dem sich Hugo von Hofmannsthal selbst ein Denkmal gesetzt hat, als einer der vornehmsten Sprachkünstler der deutschen Literatur. Eine Neuausgabe der gesammelten Novellen erscheint in diesem Jahr im Suhrkamp Verlag.

Der 1926 im Wiener Zsolnay-Verlag erschienene Briefwechsel zwischen Richard Strauß und seinem Librettisten hat nicht nur für Fachleute Interesse, indem er intime Aufschlüsse gibt über das enge geistige Zusammenwirken zweier wahlverwandter Repräsentanten einer in ihrer Art gewiß bedeutenden Epoche, deren Merkmal eine aparte Verschmelzung sublimer Überreife mit geschmäcklerischer Morbidität und starkem äußeren Glanz war. Dieser Briefwechsel wirft vielmehr auch ein erhellendes Licht auf den geistigen? Charakter des Dichters, der dem Musiker bisweilen Impulse zu einer Vertiefung des Dramatischen ins Hintergründig-Seelische gab, die jenem von Natur fremd war. Als Beispiel dafür folgt hier ein Brief aus der Zeit der ersten Anregungen zur „Josephslegende“:

Aussee, 13. September 1912

Mein lieber Dr. Strauß!

Ich bin betroffen, daß Sie gerade bei der Josephs-Figur stocken, die mir als das Beste und glücklichst Erfundene, einzige Besondere und Reizvolle an dem ganzen Ballett scheint. Ich müßte aber sagen, so wie Sie von der Figur sprechen, als den „keuschen Joseph“, zu dem eine fromme Melodie gefunden werden muß, so „mopst“ mich die Figur auch und ich würde-auch keine Musik dafür in mir finden. Wie ich die Figur sehe, so müßten Sie aber die Musik dafür nicht in einem atavistischen Schnörkel Ihres Innern, sondern in der reinsten Region Ihres Gehirns zu suchen haben, dort, wo Aufschwung, reine klare Gletscherluft, Höhe, unbedingte scharfe geistige Freiheit zu finden ist – einer Region, zu der Sie, meine ich, gern und gut auffliegen. Dieser Hirtenknabe, geniales Kind eines Bergvolkes, der sich unten in üppiges Fluß- und Deltavolk verirrt hat, sieht für mich einem edlen, ungebändigten Füllen viel eher ähnlich als einem frommen Seminaristen. Sein Gottsuchen, in wilden Sprüngen nach aufwärts, ist nichts anderes als ein wildes Springen nach der hochhängenden Frucht der Inspiration. Auf Bergeshöhen, in klarer funkelnder Einsamkeit ist er gewohnt, sich durch ein Noch-höher! Noch-höher! in einer einsamen reinen Orgie emporzuwerfen und aus einer unerreichbaren Klarheit ober ihm (welche Kunst, wenn nicht Musik, kann dies ausdrücken?) einen Fetzen des Himmels herabzureißen, in sich hineinzureißen!

Diesen flüchtigen, höchsten Zustand, diesen Trance nennt er Gott und der so erschaute Gott ist es, den er mit emporgerenkten Armen sich zu Hilfe zwingt, wie die Welt, dunkel, weich und schwül und ihm fremd, fremd bis ins Mark der Knochen, wie diese Welt die Arme nach ihm ausrenkt und ihn sich einfangen will – und nichts, als den Zeigefinger dieses Gottes – der Licht ist und alles Höchste (Ihr Höchstes, wann dürften Sie es andeuten, wenn nicht an solcher Stelle?) – sein Zeigefinger, ein Strahl von ihm, ist der Engel, verleiblicht in eine Figur. – Ich kann mir, wenn ich Sie mit Staunen hier stocken sehe, nur denken, daß die Alpensymphonie, die ich nicht kenne, hier im Wege ist – daß Sie ein dort Gesuchtes, Gefundenes an Aufschwung, Emporklettern zu? – nun zu Gott! – hier meiden wollen – daß Sie hier sich nicht loslassen wollen. Aber ich fürchte eigentlich nichts. Denn ich erinnere mich an Klytämnestra und denke mir, daß aus solchen Stockungen bei Ihnen das Besonderste hervorgeht. – Das Motiv der Ablehnung, jenes Motiv des „keuschen Josephs“ – nennt man es so, so hat man freilich die Stimmung der Parodie, der Karikatur vor der Tür, ja schon in sich – was wäre es anders, als das grandiose und unheimliche Grundmotiv von Strindbergs ganzem Lebenswerk – vom Kampf des Geniehaften, gesteigert Intellektuellen im Mann mit dem Bösen, Dummen der Frau, dem Herabziehenwollen, Verweishlichenwollen?

Ein Blick in ein Buch von Strindberg, vielleicht in den merkwürdigen Roman „An offener See“, wird Ihnen etwas das Gefühl schärfen für das Wirkliche, das Symbolische dieses Konflikts, wo ein Schematisches, Parodistisches Ihre Phantasie belegen und Sie „mopsen“ will. – Es ist nicht möglich, daß Sie gar keine Brücke von diesem Knaben Joseph zur Erinnerung an Ihre eigene Jugend finden – ob Potiphar oder nicht: ein Höheres, funkelnd, schwer erreichbar, war oben – und wollte herabgezwungen sein: das ist Josephs Tanz.