Es geschieht also nichts, und die Gestapo greift wie erwartet zu. Am nächsten Tag wird Frisch trotz seiner Krankheit verhaftet. Rechtlich eine einwandfreie Maßnahme der Polizei, denn er hat sich ja selbst eines Vergehens gegen das Strafgesetz bezichtigt! Als Dr. Sack wieder in Frischs Wohnung fährt, um die erste Vernehmung zu vervollständigen, denn diese war, um den Kranken zu schonen, nur zu den wesentlichsten Punkten und noch nicht eingehend genug erfolgt, findet er den Zeugen nicht mehr vor.

Zum Glück hat aber dieser Versuch der Ausschaltung von Frisch nicht die Folgen, welche die Gestapo wohl damit hervorrufen wollte. Dr. Sack hat ihn in der Erwartung des Kommenden gleich bei der ersten Vernehmung vereidigt. Eine solche schriftliche und beeidete Aussage ist zweifellos die beste Parade gegen irgendwelche dunkle Machenschaften der SS und sie ist zu deren Ärger bereits erfolgt, als die Gestapo zur Verhaftung schreitet. So wird der Vorsprung bis zu einem gewissen Grade gewahrt, denn die Aussage kann auch im Falle des Verschwindens von Frisch jederzeit verlesen werden. Dann würde dieses aber der Gegenseite nicht nur nichts nützen, sondern großes Aufsehen erregen.

Immerhin versucht sie, gegen das ihr sehr unangenehme Protokoll anzugehen und es in seinem Wert anzuzweifeln. Es wird erklärt, das Protokoll genüge nicht, und im übrigen handele es sich offensichtlich um eine unter Ausnutzung der Krankheit des Zeugen erpreßte Aussage! Als Dr. Biron daraufhin den Rittmeister von Frisch aus der Haft zu einer weiteren Vernehmung anfordert, um diese Vorwürfe zu entkräften, weigert sich die Gestapo, ihn zur Verfügung zu stellen. Er sei so krank, daß mit einem baldigen Ableben zu rechnen sei und daher wäre eine Vernehmung nicht möglich! Nun, so krank ist Frisch bestimmt nicht, das wissen Dr. Biron und Dr. Sack, und sie sind sich auch darüber klar, daß, sollte Frisch wirklich sterben, nicht seine Krankheit die Ursache sein würde.

Schließlich geht General Heitz, wohl auf Drängen seines Adjutanten, Freiherrn von Schleinitz, der sich ganz für Fritsch einsetzt, zu Hitler und erreicht tatsächlich, daß Frisch von der Untersuchungsführung noch einmal vernommen werden darf. Dieser ist inzwischen in das Gefängniskrankenhaus übergeführt, und es geschieht ihm auch in der Folgezeit nichts, jedenfalls nichts, was sein Leben bedroht. –

Das Schicksal dieses Mannes, bedingt durch sein anständiges und männliches Verhalten, liegt nun dem Generalobersten fast mehr am Herzen als sein eigenes, ein bezeichnender Zug für die Gefühlswärme und Uneigennützigkeit seines Charakters. Auf Veranlassung von Fritsch, um dies vorwegzunehmen, erwirkte Graf Goltz später nach dem Abschluß des Prozesses im Reichsjustizministerium, daß das Verfahren wegen des Vergehens aus dem Jahre 1934 gegen Frisch, dem sonst nichts vorzuwerfen war, eingestellt wurde-Frisch starb in den ersten Jahren des Krieges eines natürlichen Todes.

Mit dieser Schilderung ist, um den Zusammenhang zu wahren, dem Ablauf der Ereignisse vorgegriffen worden. Wie schon gesagt, glaubt das Reichskriegsgericht – und was könnte es auch anders tun? –, daß mit der Auffindung des tatsächlich Beteiligten an jenem ominösen Vorfall der Fall Fritsch völlig geklärt ist, und so begibt sich sein Präsident, General Heitz (vor dem oben erwähnten, einer zweiten Vernehmung Frischs geltenden Besuch), begleitet von dem Untersuchungsführer Dr. Biron und von Dr. Sack zu Hitler. Er will ihm diese Klärung und die Absicht der Einstellung des Verfahrens melden. Er bedarf auch rein formal seines Einverständnisses als Gerichtsherrn.

Zu seiner Erschütterung gibt Hitler dies Einverständnis nicht. Solange Schmidt nicht widerriefe, sagt er, sei für ihn der Verdacht nicht beseitigt! Wie recht hat Fritsch mit seinem Zweifel: „Er will etwas derartiges nicht glauben“ behalten!