Es sind nicht die großen Ereignisse allein, die Meldungen des noch leidlich funktionierenden Nachrichtensystems, die aufschlußreiche Vorgänge aus der Ostzone berichten. Ein besonderes Licht auf die Zustände werfen die durchsickernden Episoden, die das östliche Bild entschleiern. Die nachfolgenden Geschichten über die Zustände in Thüringen und Sachsen erzählt man sich in Berlin:

Der Volksschädling

Er ist ein Unternehmer, der rund 60 Arbeiter „ausbeutet“, ein begabter Hochfrequenzmann. Aber für seine Erfindungen gibt es nur ein sicheres Safe: den Kopf. Dieser „Volksschädling“ tauchte in Berlin nach länger Abwesenheit auf, frisch aus dem Gefängnis. Gegen Kaution entlassen. Bald soll die Berufung verhandelt werden. Das neue Urteil steht jedoch bereits fest. Richter, Staatsanwalt und Schöffen sind mit Geld und Mangelwaren „umgelegt“.

Im Gefängnis saßen keine kriminellen Elemente, die hatten alle Bewährung, man brauchte sie ja draußen zum Aufrechterhalten der Herrschaft. Im Gefängnis befand sich nur die Creme der Unternehmer, die bald lernten, wie die neuen Sitten waren. Was an Geflügel, Fleisch, Eier, Butter, Speck, Obst, Zucker, Tabak, Schnaps heranzuschleppen war, es strömte nur so herein und nährte Personal und Häftlinge. Tagsüber waren die Aufseher im Tran, nachts sternhagelbesoffen. Sie spielten Karten mit den Häftlingen, die gescheit genug waren, große Beträge zu verlieren. Manchmal saß der Volksschädling da und dachte: der wirkliche Ernst des Lebens beginnt ja erst, wenn ich wieder draußen bin. Als alle Verbindungen funktioniert hatten und er entlassen werden sollte, wurde seine Zellentür bekränzt: er gab sein Abschiedsfest, wie sichs gehörte. Er hatte „den Nerv“, noch drei Tage mit Personal und Häftlingen darüber hinaus zu feiern. Danach flüchtete er nicht etwa, vom Entsetzen gejagt, in den Westen, wohin er gut zwei Drittel seiner Firma bereits verlagert hatte. Er ist ein Dickkopf. Er kämpft eiskalt, aber wütig, um den Rest zu retten. Und heult mit allen Wölfen.

Der Vater

Ein älterer Mann, sauber aber abgeschabt, taucht in einem Berliner Buchladen auf. Er muß die ausländischen Modejournale, die er dringend für seinen Betrieb in der Ostzone braucht, abbestellen, sie kosten Westmark. Verlegen, ja, sich schämend, öffnet er die Aktentasche und legt einen Packen Wörterbücher auf den Tisch. Aber die Buchhandlung kann sie nicht kaufen. Die Kundschaft, die vor der Währungsreform händeringend nach den seltenen Wörterbüchern angestürzt kam, hat jetzt kein Geld.

Wie ausgebrannt, das Gesicht wie Asche, hört der Mann zu, seine Hoffnung ist dahin. Der Sohn studiert im Westen, er ist dahin gerettet worden, das war dem Vater die Hauptsache. Deshalb hatte der Vater sogar dem Sohn das Lügen beigebracht, sonst hätte dieser nie die entscheidende weltanschauliche Prüfungsfrage bei der Abiturientenprüfung bewältigt: „Was würden Sie tun, wenn Sie Gelegenheit hätten, nach dem Westen zu gehen?“ Wer nicht wie aus der Pistole geschossen antwortete, es sei Verrat, zu den Westmächten überzulaufen, erhielt das Reifezeugnis nicht.