„Tarquinius und Lucretia“ von Obey in Wuppertal

Der „Nachholkursus“ des deutschen Theaters führt die moderne Literatur des Auslandes noch immer sehr unmethodisch heran. Nachdem wir den „Sprecher“ als Hauptperson des „indirekten Theaters“ zuerst bei Thornton Wilder (Our town) kennen lernten und inzwischen dank Anouilh und anderen Nachläufern verdaut haben, machte eine späte deutsche Erstaufführung in Wuppertal jetzt auch jenes Stück bekannt, dem Bilder – dem eigenen Zeugnis entsprechend – einen Epoche machenden (übrigens schon vielfach – auch in der Oper – vorgebildeten) technischen Einfall verdankte: „Tarquinius und Lutretia“ von André Obey. Auch diesen entscheidenden Anreger des neuen französischen Theaters und sein Werk lernte Deutschland in vermehrter Reihenfolge kennen. Köln und München brachten zunächst das Nachkriegsstück „Rücksehr aus dem Jenseits“. „Le viol de Lucrece“, edoch erschien bei uns erst in der christlich geahmten Librettofassung für Benjamin Brittens Kammeroper „Der Raub der Lukrezia“ (Köln).

Was die deutsche Premiere von „Tarquinius und Lucretia“ nun noch nachzutragen hat, ist eigentlich nur literaturhistorisch interessant. Obey hat in heißem Bemühen eine Kunstform gefunden, in der sich einfache Dinge möglichst kompiliert vortragen lassen. Er beruft sich zwar auf Shakespeare und entnahm dessen Gedicht Rape of Lucretia“ das Hauptmotiv seines Stückes –, daß es nämlich nur die „Gelegenheit“ sei, die dem „Wolf das Lämmlein in die Quere treibt“ – aber von dem dichterischen Ethos Shakespeares, der das Drama und sein Erlebnis durch den Zuschauer bis zu dem kriminalistischen Überführungseffekt der „Mausefalle“ im Hamlet gleichsetzte, hat sich Obey nicht bloß technisch entfernt. Für seine Erzählung und Erläuterung des Geschehens durch zwei „Sprecher“, denen gegenüber die dramatischen Personen auf weiten Strecken pantomimische Figuranten bleiben, ist die Bezeichnung „Sprechoratorium“ eine methodische Ausrede. Im Grunde ist diese französisch verspielte Stilübung ein tönendes Erz ohne eine andere Substanz als die Décadence eines raffiniert servierten Einzelfalles von roher Vergewaltigung. Da weder die Entstehungszeit des Schauspiels vor dem Krieg noch die allgemeinen Konsequenzen des Autors aus dieser individuellen Episode einen Bezug auf das entsprechende Nachkriegsschicksal deutscher Frauen erlauben, versagt auch der Versuch, das Werk wenigstens als Zeitstück anzunehmen.

Die Kargheit der Aussage bewog anscheinend den Wuppertaler Regisseur Willi Rohde, die beiden Hauptpersonen – die Sprecher – dynamisch aufzuladen. Die so entstandene Theaterpathetik bewegte sich jedoch in einem unverkennbaren Gegensatz zu dem Skeptizismus des Redetextes und der gelegentlich aufschimmernden Lyrik des französischen Poeten, der Obey trotz allem ist. Auch die Aufhebung der, Trennungsschranken zwischen Szene und Publikum durch das an sich geschickt angelegte Bühnenbild von Hanna Jordan dürfte dem Stil Obeys strikt widersprechen. Denn sein „indirektes Theater“ schafft bewußt Distanz zwischen Darstellern und Zuschauern, die sich nicht identifizieren sollen. Gleichwohl gab es einen freundlichen Premierenerfolg für die nach wie vor um das zeitgenössische Theater rege bemühten Städtischen Bühnen Wuppertals. Johannes Jacobi