Großes Aufsehen erregt in Amerika ein heftiger öffentlicher Briefwechsel zwischen Arnold Schoenberg und Thomas Mann, der soeben in der „Saturday Review of Literature“ veröffentlicht wird. Darin beschwert sich Schoenberg, daß Thomas Mann in dem Roman „Doktor Faustus“ Vorteil aus seinem geistigen Eigentum gezogen habe, ohne Schoenbergs Namen zu nennen; denn Leverkuehn, der Held des Romans, erfindet das sogenannte „Zwölftonsystem“, oder wie Schoenberg selbst es treffender nennt: „die Methode, mit 12 Tönen zu komponieren“, die er ausdrücklich als sein Eigentum und das keines andern bezeichnet.

Diesem öffentlichen Briefwechsel war folgendes vorangegangen: Als erste hatte Frau Alma Mahler-Werfel Schoenberg gegenüber ihrem Unwillen darüber Ausdruck verliehen, daß in dem Roman die Schoenbergsche Theorie ohne Nennung seines Namens behandelt worden ist, während andere lebende Musiker nicht als erdichtete sondern wahre Menschen erscheinen, wie etwa Bruno Walter und Klemperer. Sie hatte auch sofort Thomas Mann gegenüber betont, daß dies Schoenbergs Theorie sei, worauf er erwidert haben soll: „Oh, merkt man das, dann wird Schoenberg vielleicht ärgerlich sein.“ Der Dichter schickte daraufhin dem Musiker die deutsche Ausgabe des Romans mit der Widmung: „Arnold Schoenberg, dem Eigentlichen“.

Schoenberg hat zwar, wie aus seinem öffentlichen Brief hervorgeht, den Roman noch nicht gelesen, seiner Auffassung nach besagt aber die Widmung, daß Leverkuehn die Verkörperung seiner selbst sei. Dadurch fühlt er sich neuerdings beleidigt, denn „Leverkuehn ist vom Anfang bis zum Ende des Romans als ein Wahnsinniger beschrieben“, während er, Schoenberg, „mit seinen 74 Jahren keineswegs wahnsinnig oder sonst irgendwie krank sei“. Außerdem sei es bei der Leichtfertigkeit einiger Historiker, die Tatsachen unterschlagen, welche nicht in ihre Hypothesen passen, leicht möglich, daß in etwa 100 Jahren auf Grund des Leverkuehn die Schoenbergsche Theorie Thomas Mann zugeschrieben würde.

Wie Schoenbergs offener Brief weiter berichtet, versprach Thomas Mann auf Drängen von Frau Mahler-Werfel, daß jede Neuausgabe des Doktor Faustus einen Hinweis auf Schoenbergs „12-Ton-System“ tragen solle. Schoenberg war mit diesem Angebot zufrieden; weniger mit dem Ergebnis: einer kleinen Notiz am Ende des Buches, an einer Stelle, an der kein Mensch sie je finden, würde. Sie nennt Schoenberg „einen (!) zeitgenössischen Komponisten und Theoretiker“. Thomas Mann habe also die Gelegenheit, sich vom geistigen Piratentum zu befreien, nicht ergriffen. Außerdem, so schließt Schoenberg seinen offenen Brief, werde man „in zwei bis drei Jahrzehnten wissen, welcher von den beiden des andern Zeitgenosse war“.

Thomas Mann bleibt diesen heftigen Vorwürfen gegenüber bei seiner verbindlichen Höflichkeit. Er ist „erstaunt und betrübt“. Denn, so meint er, wenn Schoenberg den Roman selbst läse, würde er bemerken, daß die Methode, mit 12 Tönen zu komponieren, nicht die wesentliche Eigenschaft des Helden ist. Er glaube aufrichtig, daß die Schoenbergsche Technik längst ein Teil unserer Kultur geworden sei, die zahllose Musiker schweigend übernommen und angewendet hätten. Jedes. Kind unserer Kulturepoche habe schon irgendwann einmal vom 12-Ton-System und seinem Anreger gehört und keiner würde wohl auf den Gedanken kommen, er, Thomas Mann, wolle sich als Erfinder bezeichnen. Diese Anschauung wird unterstrichen durch viele schweizer, deutsche, schwedische und französische Besprechungen des Romans, die immer wieder Schoenbergs Namen in Verbindung mit dem 12-Ton-System erwähnen.

Als Thomas Mann von Schoenbergs Anliegen hörte, habe er sogleich die Anweisung gegeben, daß in allen Übersetzungen sowie in der deutschen Originalausgabe als „Belehrung für die Uniformierten“ folgender Anhang erscheinen solle: „Unter uns lebt ein Komponist und Musikphilosoph, dessen Name Arnold Schoenberg ist. Er und nicht der Held meines Romans hat in Wirklichkeit die Kompositionsmethode mit 12 Tönen ausgedacht“. Und „wenn Schoenberg es wünscht“, so schreibt Thomas Mann in seinem Erwiderungsbrief, „dann werden wir alle es als unseren größten und stolzesten Anspruch betrachten, seine Zeitgenossen zu sein“.

Schoenberg möge doch endlich den Roman lesen, er würde dann erkennen, daß es zwischen der Herkunft, Tradition, dem Charakter und Schicksal des Leverkuehn und dem Leben Schoenbergs „keinen Schatten von Ähnlichkeit“ gebe, Doktor Faustus sei als Nietzsche-Roman bezeichnet worden und tatsächlich „enthält das Buch viel von Nietzsches geistiger Tragödie, sogar direkte Zitate aus seiner Krankheitsgeschichte“, Es sei auch gesagt worden, daß Erzähler und Held des Romans etwas mit Thomas Mann selbst gemeinsam hätten. Aber „es ist niemand eingefallen, von einem Schoenberg-Roman zu sprechen“.

Zum Schluß seines Briefes gibt Thomas Mann der aufrichtigen Hoffnung Ausdruck, daß Schoenberg sich über seine Verbitterung und seinen Argwohn erheben und Frieden in der Zusicherung seiner Größe und seines Ruhmes finden möge. J. L.