Japan lächelt wieder, und Moskau protestiert. Zum erstenmal seit mehr als zwei Jahren haben die amerikanischen Besatzungsbehörden in Nippon erneut in aller Form die Zügel in die Hand genommen. Das Experiment der Demokratisierung ist vorerst auf Eis gelegt worden. Aber ein Volk, das die uralte Weisheit von der Vergänglichkeit der Dinge mit gesundem politischem Menschenverstand verbindet, das in seiner Verfassung bewies, wie ausgezeichnet es begriffen hatte, was die ersten Eroberer in einer 2605jährigen Geschichte darin zu finden wünschten, und doch überzeugt ist, trotz unzähliger serviler Verbeugungen den längeren Atem zu haben, dieses Volk kennt keinen Prestigeverlust und ist gern bereit, sein sowieso unter alliierter Kontrolle stehendes demokratisches Eigenleben zugunsten wirtschaftlicher Vorteile aufzugeben. Denn dies bedeutet die neue Phase der amerikanischen Politik in Tokio: Aufbau des „unversenkbaren Flugzeugträgers“ vor der Küste des roten Asiens.

Das Resultat der letzten, dritten Parlamentswahl nach dem Kriege ist ein außerordentlich starker Rechtsruck. Die ultrakonservative Demokratisch-Liberale Partei des 70jährigen Premiers und ehemaligen Botschafters in London, Shigeru Yoshida, konnte mit 263 von 455 Sitzen zum erstenmal eine absolute Mehrheit erhalten; die Sitzzahl der Kommunisten kletterte von 4 auf 35. Weite Kreise der westlichen Demokratien, die auf die gemäßigten Demokraten und Sozialisten große Hoffnungen gesetzt hatten, sind enttäuscht. Der Mann jedoch, auf dessen Urteil es Japan vor allem ankommt, ist, nach seinen eigenen Worten, befriedigt: General MacArthur. Der Supreme Commander for the Allied Powers – die Erwähnung der Alliierten in diesem prokonsularen Titel ist, wie der Economist feststellt, auch das einzige, was sie jemals in bezug auf die Kontrolle seines Regimes erreicht haben – glaubt an Japan. Und was nicht minder wichtig ist, die Japaner glauben an ihn. „General Douglas MacArthur“, erklärte der geschlagene und entgöttlichte Tenno in einem öffentlichen Interview, „ist der größte Mann, den ich kenne“. Für den Fall einer Republik Japan, so sagt man, gäbe es nur zwei mögliche Präsidentschaftskandidaten: den Tenno und MacArthur.

Das aber ist es nicht, was die Anliegerstaaten des Pazifiks, an ihrer Spitze Australien, mit Besorgnis auf das Inselreich schauen läßt. Es ist der wirtschaftliche Aufstieg der „Werkstatt Asiens“, wie der scharfsichtige Acheson Japan schon Anfang 1947 taufte. Obwohl das Industrieniveau bisher nur 40 v. H. des Vorkriegsstandes erreicht hat und eine gemäßigte Inflation im Lande herrscht, zieht sich doch drohend die Gefahr einer wirtschaftlichen Konkurrenz Japans wieder am pazifischen Himmel zusammen. Das Gesetz FEC 230 der Fernost-Kommission in Washington über die Entkartellisierung ist aufgehoben worden. Die Bodenreform blieb auf halbem Wege liegen. Der Walfang ist Japan wieder erlaubt und die Direktive des „Mac Tenno“ vom Dezember, in der zum ersten Male angedeutet wurde, daß der materielle Aufbau Japans der Förderung demokratischer Prinzipien vorangehen solle, sieht folgende Hauptpunkte vor: Sanierung der Finanzen, Ankurbelung der Produktion, Steigerung des Exports und weitgehende Streikbeschränkung.

Moskau mißbilligt die japanische Entwicklung entschieden. MacArthur aber wird fortfahren, „sein Land“ zu einem ständig besser federnden „Sprungbrett der amerikanischen Politik“ zu machen. Schon zieht sich eine Kette hochmoderner Flugplätze, mit Startbahnen bis zu 3 km Länge vom Norden Japans bis zu seiner Südspitze hin, mit unterirdischen Vorratsräumen für Benzin und Spezialwerkstätten, mit Werkzeughallen und Munitionsmagazinen, wie sie Japan während seiner „Großmachtzeit“ nicht gekannt hat. Die bewaffneten Küsten- und Fischereischutzfahrzeuge fahren wieder unter dem leuchtenden Sonnenbanner und die Weltpresse berichtet von amerikanischen Erwägungen, eine japanische Polizeistreitmacht von 100 000 bis 150 000 Mann aufzustellen. C. J.